Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1870)
- Date
- 1870-07-19
- Page
- Seite 589 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Femlleton-Leilage zu Nr. 89. Leipzig, den 19. Juli 187«). Noveüetten. Bon Joseph Raimund. LI. (Schluß». Frau Susanne Neuhaus hatte volles Recht gehabt, als sie bei dem Tode ihres Bruders sich über ihre und ihres Kindes aussichtslose Zukunft so tief bekümmert fühlte, Man verfuhr gegen sie nach der ganzen Strenge des Buchstabens des Gesetzes, und was sie in dem Hause des Verstorbenen als ihr Eigenthum oder als ausdrückliches Geschenk desielben beanspruchte, mußte sie als solches durch Zeugen oder Eid erwiesen. Und dies war nicht viel, denn der Heimgegangene war mehr ein Freund von Versprechungen, als von Gaben. Man rieth ihr mehrseitig zu einem Procefse; aber Einsichtsvollere warnten sie vor diesein erfolglosen Beginnen, und so unterließ sie es. Sie zog sich mit ihrer Tochter in eine kleine Wohnung in einer Vorstadt zurück, und lebte hier so kärglich wie möglich von den Trümmern ihres Vermögens und von dem Verdienste ihrer Handarbeit. Mit einem Male sah sie sich aus Ueberfluß in Entbehrung, aus Luxus in Dürftigkeit versetzt. Dennoch unterließ sie es nicht, Alles aufzuopfern, um ihrem Kinde eine tüchtige Ausbildung zu verschaffen, und bei dem Fleche und den glücklichen Anlagen Paula's gelang ihr dies auch in einem hohen Maße. Einige Jahre vergingen, und Paula vermochte durch Ertheilung von Unterricht und Mithülfe bei der Mutter Arbeiten zur Erleichterung dieser beizutragen. Da aber geschah es, daß Frau Susanne zu kränkeln begann. Die Zeit und Kräfte Paula's wurden dadurch zwiefach in Anspruch genommen und ihr Herz mit Kummer erfüllt, da sie die Mutter leiden und hinsiechen sah. Paula hatte eben das 18. Jahr zurückgelegt, als sie am Sterbelager ihrer Mutter stand. Nachdem die Trauerzeit vorüber, und sie sich wieder etwas aufgerichtet, entschloß sie sich schnell : sie suchte als Gouvernante eine Stelle in einem angemessenen Hause. Sie traf es glücklich, denn Prinzipal und Prinzipalin waren höchst gebildete und wohlwollende Menschen, und die Kinder, die ihrem Unterrichte und ihrer Erziehung anvertraut wurden, wohlgeartet und liebreich. Dies erleichterte und versüßte dem jungen Mädchen ihre Arbeit, die sehr schwer war, denn Frau Edmund war von schwankender Gesundheit und die vier Kinder lebhaft und im Alter bedeutend verschieden. Desto mehr wußten die Eltern die Verdienste ihrer Gouvernante zu würdigen. Paula wurde wie eine Freundin behandelt, und es war natürlich, daß sie der Freundin alle ihre Lebensereignisse mittheilte. Zwei Jahre bereits lebte Paula in diesem Hause, und die ihr in ihrer Jugend eingepstanzte Schwermuth wich allmälig einer heiteren Lebensanschauung. Sie gedachte, noch lange Zeiten in diesem ihrem Asyl zu verbringen. Eines Abends, es war im Winter, war die Familie im Salon versammelt, und Paula beschäftigt, den Kindern noch eine leichte Lection zu geben, während die Eltern der Lectüre der Tagesblätter oblagen. Ein Fremder wurde gemeldet, der eine Empfehlungskarte hereinsandte. Herr Edmund ließ ihn willkommen heißen. Ein junger Mann von elegantem, einnehmendem und zugleich würdigem Aeußern trat ein. Der Hausherr stellte ihn seiner Gattin als Herrn Emil Oldenburgh vor, einen Jünger der Naturwissenschaften, der am hiesigen Platze bei einem berühmten Chemiker seine Studien in der Chemie vollenden wolle; hierauf auch dem Fräulein Neuhaus, der Gouvernante. Der junge Oldenburgh, der sich ebenso sehr durch seine ebenmäßigen Gesichtszüge und fein schönes blaues Auge, wie durch seine schlanke, vielleicht zu schnell aufgeschoffene Gestalt auszeichnete, ließ nur einen flüchtigen Blick über Paula und die Kinder gleiten, um sich mit dem Herrn und der Frau des Hauses zu beschäftigen, die ihn in feinster und gefälligster Weise empfangen hatten. Anders wirkte das Erscheinen jenes jungen Mannes auf Paula. Sie hatte seinen Namen kaum vernommen, als sie erbleichte, zitterte, daß sie sich schnell wieder niederlaffen mußte und bald eine Gelegenheit ergriff, um sich mit den Kindern zu entfernen und nicht wieder zu erscheinen. Dies war dem aufmerksamen Auge der Frau Edmund nicht ganz entgangen. Der junge Mann wiederholte in der nächsten Zeit seine Besuche in dem Hause, welches sich ihm gastfreundlich geöffnet hatte und in der Stadt das einzige unter seinen Glaubensgenoffen war, das ihm zusagte. Er war stets gern gesehen; denn obgleich sein Wesen ernst, gemeffen, zu Zeiten melancholisch war, be-