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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-19 · Heft 29 (19.7.1870) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 29 (19.7.1870)
Date
1870-07-19
Page
Seite 573 (sequence 5)
Language
German
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573 schüre weist aber durch eine sorgfältige geschichtliche Untersuchung nach, daß man bei dem ganzen Ereigniß selbst von diesem Wunder gar nichts gewußt hat, sondern daß es erst 65 Jahre spater in die Geschichte eingeschwärzt worden. Wahr ist nämlich, daß man 1370 fünf Juden bezüchtigt hat, sich heimlich einer Anzahl Hostien bemächtigt zu haben, daß man sie folterte, mit glühenden Zangen zwickte, unter fürchterlichen Martern verbrannte, ihre sämmtlichen Glaubensgenossen verjagte und deren Güter confiscirte. Die Greuelthat selbst ist also wahr und durch zwei Documente aus dem Jahre 1370 selbst bestätigt. Das Gedächtniß derselben aber zu feiern, schützt die Klerisei nicht vor, denn in allem Diesem ist nichts Wunderbares, sondern in jener Zeit etwas Gewöhnliches, wie man zu sagen pflegt; die Verbrennung und Berjagung von Juden nach Einziehung ihrer Güter, unter dem Vorwände, daß sie Hostien gestohlen und entweiht haben, war an der Tagesordnung. Unwahr aber ist es, daß man bei dem Proceffe auch nur geahnt habe, es sei aus den Hostien Blut geflossen. Die gleichzeitigen Chronisten und Miracle-Erzähler und die des nächsten Jahrhunderts wissen sämmtlich von dieser Geschichte nichts. Im Jahre 1581 erklärte der Magistrat von Brüssel am 1. Mai, daß durch die Documente selbst erwiesen sei, daß die Hostien niemals geblutet haben, ja daß sie gar nicht durchstochen worden. Es versteht sich, daß die klerikalen Autoren diese Erklärung des damals calvinistischen Magistrats wieder zu verdrängen gesucht haben. Aber die Documente sind da, und die obige Abhandlung zeigt, auf welche Weise man zu dieser Täuschung gelangt ist. Wie immer fand auch bei nichtkatholischen Schriftstellern ein Nachbeten des einmal kühn Behaupteten statt, und der Verfasser macht es u. A. dem H. Carmoly, dem bekannten jüdischen Forscher, zum Vorwurf, sich nicht genauer umgesehen zu haben, was Carmoly, da er in Brüssel gewohnt, so leicht gekonnt hätte. Das Hauptdocument ist nämlich ein Register eines Godefroid de la Tour, General - Einnehmers des Herzogs von Brabant für das Jahr 1370. In diesem Register läßt man den Godefroid sagen: die Juden seien verbrannt worden, weil sie das Sacrament durchbohrt und sich heimlich verschafft haben: de sacrawento PUNCTO et furtive accepto. Freilich ist es sehr unlogisch, zuerst durchbohrt und dann erst sich verschafft zu haben; aber über solche Kleinigkeit setzte man sich hinweg, und wußte es auch durch geschickte Übersetzung zu beseitigen, indem man übertrug: weil sie das Sacrament durchbohrt, welches sie sich heimlich verschafft hatten. Nun steht aber in dem Documente ganz anders, nämlich: Pro sacramentis PUNIC£ et furtivfe acceptis, d. h. weil sie in sträflicher und heimlicher Weise die Sacramente erlangt hatten. Man hat also statt punick gelesen puncto, und daß man so hat lesen wollen, geht daraus hervor, daß man für saeramentis aeeeptis las: saeramento accepto, weil man aus punice allenfas puncto, nicht aber punetis lesen konnte. So ist das ganze Wunder noch eine specielle Fälschung. Nach dem großen Brande und einer wüthende Pest bedurfte man 1435 einer Aufrichtung des Volkes im Sinne der Gläubigkeit, und da kam mit einem Male das Wunder ans Licht, das 65 Jahre früher geschehen sein sollte, von welchem man aber ebenso lang nichts gewußt hatte. Zu diesem Zwecke fabricirte man eine sg. Enquete, die 1402 gemacht und 1423 dem Papste übermittelt worden sei. Auch diese ist erwiesener Maßen untergeschoben. Der Verf. zeigt auch, wie man später von Jahrzehend zu Jahrzehend die Legende amplificirt hat, bis die artige Geschichte herauskam, die jetzt noch von der Klerisei dem Volke aufgetischt wird. So beruht die ganze Jubelfeier auf einer absichtlichen Täuschung! Wir Juden sind bei dieser Geschichte, wie bei allen derartigen, noch in einer besonderen Weise interessirt, die wir nicht gern auf uns sitzen lassen mögen. Unsere Väter werden nämlich dabei als herzlich dumme Teufel geschildert! Da sie doch genugsam erfahren hatten, wie grausam sie Hostiendiebstahl zu büßen hätten, sie, ihre Frauen und Kinder, an Leben und Gut, ließen sie sich doch immer wieder in solchen nichtsnutzigen Handel ein. Und wessen bedienten sie sich dabei? Getaufter Juden, von denen sie doch voraus wissen mußten, daß sie sie verrathen würden. In Brüssel bedienten sie sich solcher sogar zwei Mal, ein Mal um die Hostien zu bekommen, und dann wieder um sie wieder los zu werden. Sie wollten sie nämlich durch ein getauftes altes Weib heimlich nach Cöln schassen, dem Weibe aber zum Schutze einen Juden mitgeben! Nein, so dumm waren unsere Väter nicht, und man müßte herzlich lachen, wenn dies hierbei möglich wäre, über die einfältige Erfindungsgabe der Priester, die sich freilich dem abergläubischen Volke gegenüber nicht sehr anzustrengen brauchten. Der Verf. zeigt auch, wie in den früheren Zeiten das fünfzigjährige Jubiläum dieses Mirakels gefeiert

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