Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1870)
- Date
- 1870-07-19
- Page
- Seite 572 (sequence 4)
- Language
- German
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572 die dem Ganzen gehören, beachtet es hierbei kein Maß, berücksichtigt es nicht die Drittel und Wege, die zu seiner Ueberernährung führen — dann ladet es Unwillen, Haß auf sich und steht in Gefahr, bei der ersten Erschütterung vorzugsweise angegriffen zu werden. Nichts fördert die socialistischen Umtriebe mehr und gewahrt ihnen Schein gründe und Schlagwörter, um die Masse an sich zu ziehen, als die übermäßige Anhäufung von Reichthümern in den Händen einer geringen Zahl Einzelner. Gesellen sich nun hierzu Anklagen und Vorwürfe, denen Recht und Wahrheit nicht abzusprechen sind, so erscheint das Ganze als ein sehr gefährdetes Gebäude, das dem ersten großen Anprall nicht widerstehen kann, und zu dessen Dertheidigung sich wenige Arme erheben würden. Die Geschichte bietet auch nach dieser Richtung hin lehrreiche Beispiele. Es gab lange Zeiträume, in welchen die Herrschaft und die Vorrechte der Aristokratie unangefochten waren und unanfechtbar schienen; um so heftiger wurden sie später angegriffen und beseitigt, während z. B. in England, dem classischen Boden der bürgerlichen Freiheit, die Aristokratie noch heute blüht, weil sie es dort verstand, die Interessen des Volkes und Staates mit den ihrigen zu vereinen. Nicht an den Einzelnen, wohl aber an die Gesammtheit der jüdischen Financiers, Banquiers und Reichen wird die Forderung gerichtet, Mächte, welche dem europäischen Recht, der europäischen Humanität und Civilisation feindlich sind, durch ihre Finanzoperationen nicht zu unterstützen, so lange jene Mächte diesen Weg verfolgen, insbesondere aber jede geschäftliche Beziehung mit Staaten zuröckzuweisen, in welchen ihren Glaubensgenossen die bürgerliche Rechtstellung versagt, sie grausamen Ausschließungen unterworfen und verfolgt werden. Und diese Forderung, wie wir gesehen haben, wird von der Sittlichkeit gestellt und von der Klugheit unterstützt. Menschliches Recht und brüderliche Treue gebieten es gleichmäßig'. Wir unterlassen es, an dieser Stelle einen warmen Auftuf, einen bewegten Appell an unsere betreffenden Glaubensgenossen zu richten, so sehr uns das Herz dazu drängt. Aber der Gedanke muß zuvor verbreitet, die Beweggründe dargelegt, die zwingende Ueberzeugung geschaffen werden. Einer und wieder Einer können hierbei nichts ausrichten, nur eine Mehrzahl, denn eine Mehrzahl würde hierin Alle zwingen. Aber Viele zu einem und demselben Thun zu vereinigen, während ihr materieller Bortheil dagegen spricht, ist schwer und erfordert, daß der Gedanke zu einer Nothwendigkeit heranwachse, zu einer Nothwendigkeit für die handelnden Personen selbst. Der jüdische Stamm war ausersehen, in der neueren Zeit den Prüfstein für die Macht der Gewiffensfteiheit und der Gleichberechtigung im modernen Staate abzugeben. Vielleicht hat er abermals eine Mission zu erfüllen, die Macht des sittlichen Princips auch im materiellsten Theile des industriellen Lebens zu erweisen und zu bethätigen. Es ist offenbar, daß gerade in der vorliegenden Angelegenheit das Iudenthum seine sittliche Kraft zu erhärten die Gelegenheit hätte. Denn zuletzt gilt es hierbei, jene Anhänglichkeit durch die Thal zu beweisen, welche die Glieder einer Religionsgenoffenschaft und eines Stammes naturgemäß umschließt, noch dazu, wo die Geschichte eine solche Solidarität geschaffen hat und noch immer aufrecht erhält, wie unter den Juden. Die Slutprocesjum in Brüssel. IV. Die aus der Bevue de Belgique besonders abge» druckte Broschüre,*) deren wir in vor. Nr. erwähnt haben, offenbart einen Vorgang, der auf dem Gebiete der katholischen Kirche nichts Neues ist, nämlich eine Fälschung. Was geben nämlich die Priester vor, eigentlich mit der Procession zu feiern? Das Miracle, das Wunder, daß die von den Juden durchstochenen Hostien geblutet haben. Eines solchen Wunders glauben sie zu bedürfen, theils um die wirkliche Anwesenheit Christi in der Hostie zu erweisen, theils, um die Göttlichkeit der Kirche zu erhärten, die Gott mit solchen Wundern begnadigt. Nun, es ist keinem Vernünftigen zweifelhaft, daß ein solches Wunder erfunden ist. Die obige Bro- *) Be jubile d’un faux miracle. Dissertation sur l’histoire du saint - sacrement de miracle de l’dglise des 88. Michel et Gudule, a Bruxelles, avec un facsimile du compte du receveur du duc de Brabant en 1370. Bruxelles, imprimerie de la Revue de Belgique. 1870.