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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-19 · Heft 29 (19.7.1870) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 29 (19.7.1870)
Date
1870-07-19
Page
Seite 571 (sequence 3)
Language
German
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571 Provinzen zu solchem Elende verdammten. Was nun hiergegen wohl das Sammeln von Almosen nützen könne? So lange die Ursachen vorhanden wären, könnte gegen die Wirkung nichts ausgerichtet werden. Ob denn die jüdischen Financiers und Reichen ihre Pflicht gethan zu haben glauben, wenn fle einige Brosamen von ihrem reich besetzten Tische für diese verhungernde und verschmachtende Bevölkerung hinwerfen? Die russischen Finanzen seien völlig zerrüttet, zerrütteter noch als die österreichischen, deren Notirung jetzt zum großen Schaden der österreichischen Finanzen in London von der Börse gestrichen worden sei. Rußland dagegen erhalte durch die Vermittelung der jüdischen Banquiers immer neue Finanzmittel, und man gefährde dadurch nicht allein das europäische Eigenthum, sondern auch die europäische Selbstständigkeit und Freiheit, denn nur dadurch vermöge Rußland immer wieder von Neuem zu rüsten und seine Herrschaft auszudehnen. Die jüdischen Geldmächte möchten sich daher vielmehr dahin vereinigen, dem russischen Staate keine neuen Anleihen zu machen, die russischen Staatspapiere nicht mehr zu colportiren, nicht mehr zu kaufen und zu verkaufen, bis es sein Regime geändert habe, als für die unglücklichen Juden zu betteln. In einem andern Blatte lesen wir: wenn der Papst die moderne Gesellschaft zum Kampf herausfordert, und ihr den Krieg erklärt, so sei es nicht mehr als billig, daß diese selbe Gesellschaft ihm ihre Hülfsquellen verweigere und ihm nicht noch obendrein die Drittel gewähre, seine Satelliten zu ernähren und auf seine Untergebenen Pression zu üben. So lange der Frieden herrscht, sei jede Waffenfabrik bereit, wohin es auch fei, Kanonen und Schießwaffen zu liefern; sobald aber ein Krieg entbrannt sei, wäre es ein Verrath, den Feinden Waffen zu verkaufen, und mit Recht habe man die Engländer gebrandmarkt, welche den feindlichen Kaffern, die Amerikaner, welche den aufständischen Indianern Waffen und Munition geliefert. In einem noch höheren Maße sei die Finanzwelt schuldig, wenn sie den Feinden der europäischen Civilisation, den Gegnern der Humanität und des allgemeinen Rechtes fortwährend die Mittel verschafft, mit welchen sie ihren Kampf unternehmen, ausrüsten und fortsetzen. Es seien aber nicht blvs die großen Finanz- Häuser anzuklagen, welche solche Staatsanleihen unternehmen, wenn diese auch als die intellectuellen Urheber anzusehen, sondern auch alle Banquiers, und zwar als Theilnehmer, welche jene Werthpapiere verbreiten, alle Reichen, welche sie um des Profites willen kaufen und hinlegen. Denn dies Alles sei nur eine Kette. Würden diese Papiere nicht gekauft, so könnten sie auch nicht verkauft werden; würden sie nicht verkauft, könnten sie nicht ins Leben gerufen werden. Wir wollen und können hier nicht untersuchen, in wie weit dieses Alles in seinen Einzelheiten richtig und nicht übertrieben ist. Aber das ist nicht zu verkennen, daß der Gedanke im Ganzen völlig wahr ist, und es ist vorauszusehen, daß er sich immer mehr Bahn brechen werde. Allerdings ist cs auf dem Gebiete des politischen und socialen Lebens stets ein Fehler, mit den einmal dem Menschen einwohnenden Motiven nicht zu rechnen, oder sie vom idealen Standpuncte aus allzusehr anzngreifen. In Handel und Wandel ist der persönliche Vortheil, ist der Gewinn die Haupttriebfeder, und zwar gerade da am meisten, wo auch der Verlust am leichtesten vorkommt. Dem einzelnen Financier, dem einzelnen Banquier '.und Reichen demnach abzufordern, sich aus höheren Rücksichten eines vortheilhaften Geschäftes zu enthalten, das alsbald sein Nachbar übernehmen würde, ist weder völlig gerechtfertigt, noch wird es erfüllt werden. Ein Anderes ist es aber, wenn politische und sittliche Ansprüche an eine ganze Elaste, an einen großen Stand gemacht werden, wenn die Forderung an diesen herantritt, die großen Uebel, an welchen die menschliche Gesellschaft noch leidet, nicht zu fördern, und in die Flammen, die ihr bestes Mark verzehren, nicht noch Nahrung hineinzuwerfen. Ist nun noch dazu diese Elaste, dieser Stand so gestellt, daß er sich sehr wohl befindet, daß seine Existenz gesichert und mit reichlichen Mitteln versehen ist, daß er also jene Forderung nicht „im Kampfe um das Dasein" unerfüllt zu lasten braucht, daß ihn kein Kampf um Leben und Tod über jede Rücksicht sich hinaus zusetzen zwingt: so sündigt er allerdings, wenn er dem allgemeinen Gewissen zuwiderhandelt. Und wenn wir von der einen Seite wohl würdigen, daß es thöricht ist, zu verlangen, im großen und kleinen Verkehr den persönlichen Vortheil und Gewinn aus den Augen zu setzen: so ist es hingegen sehr kurzsichtig, die ideale Forderung des Rechts und der Sittlichkeit gering anzuschlagen, wo allgemeine Interessen ins Spiel kommen. Für jeden Stand ist es eine Nothwendigkeit, seine Stellung im großen Ganzen der Gesellschaft nicht blos als unentbehrlich, sondern auch als gerechtfertigt, als verhältnißmäßig, als human und sittlich zu erweisen. Wächst aber ein Glied weit über das Ganze hinaus, füllt es sich übermäßig mit den Säften, 29*

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