Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1870)
- Date
- 1870-07-19
- Page
- Seite 570 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226774--28563-3302406- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
570 fein, das heißt doch nichts Anderes, als daß es seinen Schwerpunct nicht in Glaubenssätzen und Dogmen, sondern in den Werken, in den aus der Gotteserkenntniß und der Hingebung an Gott consequent erfließenden sittlichen Thaten und Handlungen, in der sittlichen Heiligung findet. Das Judenthum will die Religion sein, welche sagt: nicht in dem Nichts des Buddha, nicht in dem seligmachenden Glauben des Christenthums, nicht in der fatalistischen Ergebung des Islams, sondern allein in dem, aus der Erkenntniß und Anbetung Gottes hervorgehenden sittlichen Thun liegt das Heil des Menschen, der Völker, des gesammten Menschengeschlechtes. Das lehrt uns das 19. Kap. des 3. Buches Mosis, .das lehrt uns jeder Ausspruch der Propheten und der heiligen Sänger. Das ist die Weisheit, die Moses und Samuel, die Jesajas und Micha, die David und Salomo und Hiob uns lehren. Ist vies der Fall, so ist es fort und fort die Aufgabe des Judenthums, sich hierin in seinen Bekennern zu manifestiren, diesen seinen Charakter in der Gesammtheit seiner Anhänger zu verwirklichen. Dann aber ist es auch nicht zu verkennen, daß aus den geschichtlichen Verhältnissen des jüdischen Stammes gewisie sittliche Schäden fließen mußten, deren gründliche Heilung bei den veränderten Um- und Zuständen entschieden angestrebt werden muß. Der jüdische Stamm hat in einer achtzehnhundertjährigen unerhörten Verfolgung sich in seiner unerschöpflichen Lebenskraft zu sehr bewährt und ist aus diesem Kampfe mit dem traurigsten Geschicke so rühmenswerth hervorgegangen, daß es eine unverzeihliche Schwäche wäre, abzuleugnen, daß auch sittliche Nachtheile vorhanden sind, deren sich zu erwehren er auch bereits begonnen hat, die er zu beseitigen die Kraft haben wird, wenn erst die richtige Erkenntniß und der volle Wille da sind. Wir haben in den letzten Nrn. Gelegenheit gehabt, auf die sittlichen Uebel aufmerksam zu machen, welche in dem fanatischen Gebühren der fg. modernen jüdischen Orthodoxen enthalten sind. Fürwahr, nicht die sg. Orthodoxie an sich, nicht die überlieferten Heiligthümer unserer Religion haben wir angegriffen, sondern vielmehr die gehegte oder vorgeschützte Ansicht, als ob das Judenthum allein in der unbedingten Festhaltung jeder überkommenen Satzung, jedes überkommenen Brauches bestehe, so daß nicht die Gotteserkenntniß, die tiefe religiöse Empfindung und die sittliche Heiligung das Judenthum ausmachten, sondern nur die Uebung, die mehr oder minder nur äußerliche Bethätigung einer Satzung, nur weil sie buchstäblich vorhanden ist. Und hier waren es wiederum die unsittlichen Mittel, die im Dienste dieser Ansicht angewendet werden, und die zu Tage liegenden egoistischen Zwecke, die sich bei den Trägern dieser Ansicht verrathen, welche wir entschieden bekämpften. Wir haben es heute mit einer anderen Seite zu thun. Es ist bisweilen sehr intereffant, zu beobachten, wie in der öffentlichen Meinung ein und derselbe Gedanke an verschiedenen Stellen gleichzeitig zu Tage tritt und seine Aeußerung findet. Man kann es sich erklären; die allgemeinen Berhältniffe entwickeln sich dahin, daß aus ihnen sich nothwendig ein bestimmter Gedanke ergiebt, der sich nun an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit ausspricht. So begegneten wir in der letzten Zeit mehrfach dem an die jüdischen Financiers, Banquiers und Reichen gerichteten Vorwurf, daß sie diejenigen Staaten durch Anleihen, durch Förderung ihrer Finanzoperationen, purch An- und Verkauf ihrer Werthpapiere unterstützen, welche ihre Glaubensgenoffen in ungerechter, ja in grausamer Weise unterdrücken und verfolgen. Wenn Rumänien fort und fort Judenhetzen veranstaltet und die Behörden diesen nicht allein müßig zusehen, sondern sie auch befördern, ja Hervorrufen, so hält dies die jüdischen Finanzhäuser nicht ab, den zerrütteten Finanzen Rumäniens zu Hülfe zu kommen. Wenn der Papst in seinem Staate die Juden in das vom Tiber überschwemmte Ghetto einsperrt, und die Armen noch mit besonderen Lasten erdrückt, so steht dennoch das Haus Rothschild nicht an, ihm abermals viele Millionen vorzustrecken, natürlich gegen gute Sicherheit. Man sagt, daß dies nach zweien Seiten hin verderblich wirke. Denn einerseits würde dadurch das Eigenthum der civilisirten Völker in den unersättlichen Schlund zerrütteter, dem Banquerott naher Finanzen hineingezogen, andrerseits den dem Rechte und der Freiheit feindlichen Mächten die Mittel gewährt, den Kamps sortzusetzen und Unfrieden und Gewaltthat weiterzuführen. Es liege also darin ein unsittliches Verfahren sowohl gegen die eigenen Glaubensgenossen, als auch gegen das Heil der Gesammtheit. Am stärksten ließ sich jüngst hiergegen ein Hamburg-Altonaer Blatt „die Tribüne" aus. Es hatte den Auftuf der Berliner Vertreter der Alliance zu Sammlungen sür die westrussischen Juden abgedruckt. In der nächsten Nr. jedoch lvom 6. Juni) richtete es ein Sendschreiben an diese Männer. Sie hätten selbst gesagt, daß die Ursachen dieses unermeßlichen Elends in den russischen Gesetzen lägen, welche die Juden dieser