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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-12 · Heft 28 (12.7.1870) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 28 (12.7.1870)
Date
1870-07-12
Page
Seite 567 (sequence 19)
Language
German
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567 „Und ehe ein solcher Fall eintritt, soll ich mit meinem Kinde zu Grunde gehen? Ist es nicht der Wille des Verstorbenen gewesen, mir dieses Haus mit seinem ganzen Inhalt und ein hinreichend großes Capital zu hinterlaffen, daß wir bequem davon leben könnten? Das Uebrige wollte er zu wohlthatigen Stiftungen verwenden. Jener Knabe, den er um seines Vaters willen leider unversöhnlich haßte, so oft ich ihn auch zu anderer Gesinnung zu bringen gesucht, sollte nur den allergeringsten Theil bekommen, der ihm etwa auf anderen Wegen nicht entzogen werden könnte. Und der hatte ja nichts darunter gelitten. Ist der Wille eines Verstorbenen nichts werth? Während man seine körperlichen Reste mit der höchsten Pietät behandelt, stößt man seinen Willen in den Staub? Bedenken Sie es wohl Herr Doctor! Ja, Sie sind verantwortlich, aber vor Gott, der solche Grausamkeit nicht will, sondern ahnden wird'." Man konnte an der Stimme der Frau wohl bemerken, wie schwer ihr diese Bitten und Vorstellungen wurden; sie hielt ihre Rechte krampfhaft auf das Herz gedruckt, ihre bleichen Wangen hatten sich mit einer flammenden Röthe bedeckt und ihre zurückgesunkenen Augen glühten. Dies Alles bewegte aber den hageren Mann nicht. Er hatte sich längst auf einem Sessel niedergelasien, die Kniee übereinander geschlagen, den linken Arm auf die Lehne gelegt, während die Rechte das Bambusrohr mit dem goldenen Knopfe hielt; seine Augen blickten abwechselnd auf die Frau und im Zimmer umher. „Das mag Alles der Wille des Verstorbenen gewesen sein; aber er hat ihn nicht constatirt. Was er Ihnen geben wollte, hätte er Ihnen als „Geschenk unter Lebenden" ertheilen müffen. So weit reichte schwerlich sein Wille, das hätte er nicht über's Herz gebracht. Ich bin nicht befugt, etwas als seinen Willen anzunehmen, was nicht erwiesen ist, und noch weniger, einen nicht erwiesenen Willen als rechtskräftig vorauszusetzen und anzunehmen und danach zu handeln, das wäre Willkür von mir." Bei diesen Worten ging mit der Frau eine sichtliche Veränderung vor. Ein Schauer war über ihren Körper gelaufen; dann stand sie fest und eiskalt in Antlitz und Haltung da. „Sie haben Recht," sprach sie gelasien; „es wäre Willkür, und die mögen Sie nicht üben mir und meinem Kinde gegenüber, da es Ihnen unvergesien, daß mein seliger Mann Ihre Charlatanerie aufzudecken genöthigt war, als Sie durchaus einen Dergiftungsfall bei jenem jungen Mädchen finden wollten, von dessen Unschuld mein Mann so völlig überzeugt war. Das hat man in der Stadt nicht vergessen, und so können auch Sie es nicht vergessen. Mein Mann hatte Recht, und nun wollen auch Sie Recht üben. Immer löblich. Nur empfehle ich Ihnen, bei der Regulirung der Hinterlassenschaft ebenso wenig Ihnen selbst, wie mir gegenüber eine Willkür zuzulafsen. Auch das könnte aufgedeckt werden." Sie verbeugte sich und verließ das Zimmer. In dem Doctor zeigte sich keine Bewegung. Er stand nach einer Pause auf und ging in das Sterbezimmer. Er fühlte sich jetzt hier als alleiniger Herr, und ordnete das Verfahren an, das man mit dem nunmehr Verschiedenen vorzunehmen habe. Frau Susanne war in das Gemach ihrer Tochter hinaufgestiegen; sie umarmte diese, und Beide brachen in Thronen aus. Die Mutter erzählte ihrem Kinde Alles, und unter ihren eigenen Worten beschwichtigte sich ihr leidenschaftlich bewegtes Gemüth in Etwas; selbst die Trauer um den Verlust des Bruders kehrte in ihre Seele ein und verdrängte den Schmerz der Täuschung und die Sorge um die Zukunft. Sie fühlte sich unter dem Schutze Gottes, weil sie rein und schuldlos, verstoßen und mißhandelt sei. Was aber ging in dem Herzen des Mädchens vor, dem mit Einem Male offenkundig geworden, wie es unter den Menschen zugeht'. (Schluß folgt.) Anathema sit! ) Angesichts des versammelten römischen Concils und in Gehörweite jener gotteslästerlichen Verwünschungen, die dem flammenden Munde katholischer Priester entströmten, um als Dornenbouquet der erstaunten Welt hingeworfen zu werden — hingeworfen ohne Grazie, ohne Verstandniß der Zeit und ohne Kenntniß des menschlichen Herzens — war es kein Wunder, daß mein von Haus aus schüchterner, für Aussöhnung der Gegensätze schwärmender Freund, die Feder niederlegend, sagte: „Nun schreibe ich keine Zeile weiter!" Ein simpler Jude aus Galizien hat ihm jedoch den Muth gehoben und den unmännlichen Entschluß ausgetrieben, und zwar durch die Erzählung folgender seltsamen Geschichte: In D — hauste ein Rabbi, der weit und breit als heiliger, wunverthätiger Mann ausgerufen war. Wo ein Jude keinen Ausweg in einer Nothlage sah, beim Rabbi suchte und fand er, wie behauptet wurde, Rath und Trost. Und der Rath des heiligen Mannes wurde stets in tiefster Ehrfurcht empfangen und in unerschütterlicher Gläubigkeit befolgt. Wo aber ein kluger Rath nicht zu ersinnen war, da spendete der Rabbi einen kurzen, auS den heiligen Schriften geschöpften Spruch, der sich wie Balsam auf das beängstigte Menschenherz legte und die beunruhigte Seele in neuer Hoffnung aufleben ließ. Den Gläubigen war er eine Quelle kühl und erftifchend, den Ungläubigen ein verzehrendes Feuer. Da war aber ein Mann in der Gemeinde, der diese allgemeine Verehrung des Rabbi nicht zu theilen schien. Nicht als ob er die Erzählungen von den Wundern desselben bestritten oder laut angezweifelt hatte; aber er schüttelte dabei so eigen den unverständigen Kops und konnte dazu *) Aus drr „N. ft. Presse".

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