Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 568 (sequence 20)
- Language
- German
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568 ein so komisch spöttisches Gesicht ziehen, daß es allen Frommen ein großes Aergerniß abgab. Ueberhaupt hatte es mit dem Manne ein besonderes Bewandtniß. Ein blutarmes Kind, war er eines Tages aus der Gemeinde verschwunden, um nach vierzig Jahren urplötzlich wieder zu erscheinen. Er trug sich wie ein Herr und sprach ein gutes Deutsch; dann kaufte er ein schönes Haus, zahlte es baar ans und nahm feine Schwester, eine arme, verlassene Wittwe, zu sich. Er lebte wie ein reicher Mann, war auch wohlthätig, wie Keiner vor ihm, und doch trieb er keinerlei Geschäft; er mußte alse viel Geld mitgebracht haben. Dieser Mann nun war es, der in dem Rabbi nicht den Propheten zu sehen schien; ja, der sich einmal sogar vermaß, zu sagen: „Ja, er ist in der That ein Wundermann. Wie könnte er sonst, der heilige Mann in dieser elenden Gemeinde mit zwei Schimmeln einherfahren, aus Silber und Porcellan essen und der Tochter eine Mitgift von 10,000 fl. geben?" Außerdem hatte er noch die ausgesuchte Boshett, dem guten Rabbi mit tausend Bitten bald für diese, bald für jene arme Familie beschwerlich zu fallen und es Jedem, der es hören wollte, laut zuzuflüstern, was für Gaben er erbettelt und was für Mühe er dabei gehabt habe. Die Alten in der Gemeinde stellten ihn oft zur Rede; es änderte nichts an der Sache. Da hinterbrachte man ihm, der Rabbi bete jeden Morgen und jeden Abend, daß der Herr das gottlose Herz zum Guten kehren und nicht der Gemeinde anrechnen möge, was ein krankes Glied verschuldet. Und Herr Leib Katzinelbogen, so hieß der störrige Mann, ging mit zornig funkelnden Augen und den Hut im Nacken geradenwegs zum Rabbi und sagte zu ihm: „Betet, Rabbi, nicht für mich, das würde Euch Niemand danken und zahlen; betet lieber für Euch um Demuth und für die Gemeinde um Verstand." Des anderen Morgens, zu Ende des Gottesdienstes, sprach der Rabbi den Bann über den Sünder aus. Er verfluchte ihn und die Luft, die ihn umgab, und den Boden, der ihn trug. Er verfluchte den Schlaf, der ihn erquickte, und den Menschen, der ihm Handreichung thäte. Der Mann aber war, wie gesagt, reich und blieb es auch, und die Luft und der Boden und der Schlaf und der Mensch zur Handreichung verließen ihn nicht; auch war der Gutsherr sein guter Freund und hatte dessen kein Hehl, so daß sich Niemand an ihn wagte und der Bann ihm keinen ersichtlichen Schaden that. Das Erstaunlichste aber bei der ganzen Sache war, daß Herr Leib Katzinelbogen, der stets bis zum Erbarmen mager gewesen war, von dem Tage an so zunahm, daß er in einem halben Jahre etwa in Kraft und Saft strotzte. Ein Anderer hatte sich nun mit dem, wie ihm der Bann anschlug, zufriedengegeben; Reb Leib aber war nicht der Mann danach; denn so oft er einen besonderwarmen Anhänger des Rabbi auf der Gasse traf, fragte er ganz kläglich und sein Bäuchlein streichend: „Nun, was sagt Ihr, wie schwer der Bann auf mir lastet?" Wenn aber Einer in der Gemeinde schwer krank wurde, kam Reb Leib sicherlich herbeigeeilt und gab den unverlangten Rath, nur ja geschwind den Wundermann zu holen, denn der verstünde sich auf das Gefundmachen wie kein Doctor, ohne daß der Apotheker was kostet. Und eines Abends fah man ihn gar in das Haus des beleidigten Rabbi eintreten, den Hut schön gerade auf den Kopf gerückt und das spanische Rohr in der rechten Hand. Hinter ihm schritt die arme Wittwe, seine Schwester, und trug eine lebendige Gans auf dem Arme. „Gott hat's gefügt," sprachen die Leute, die das sahen, „Reb Leib geht in sich und die Gans ist das richtige Bußopfer." Und jetzt stand der Gebannte vor dem Gottesmanne, der sich sichtlich erfreut, aus seinem Stuhle erhoben hatte. „Rabbi, Ihr sprächet im Tempel Gottes den großen Bann über mich aus, und mir schlug's gut an — an Leib und Seele. Da stopft aber meine arme Schwester seit vier Wochen diese dumme Gans und das Bich bleibt immer mager. Thut, ich bitt' Euch darum, den Vogel auch in den Bann, wer weiß, ob das nicht seine Wirkung thut; die Leber sollt Ihr für die Mühe haben, da ich ja weiß, daß Ihr und Euresgleichen umsonst nichts thut." Aquila. Vermischtes. Wie wir schon in unserm Bibelwerke zu 5 Mos. 25, 5 bemerkten, ist die Leviratsehe auch bei den Indern und Persern Sitte gewesen. In diesen Tagen fanden wir aber an einer Stelle im zweiten Buche des Ramajana, eines indischen Epos, auch die Sitte des Schuhausziehens, als Uebertragung eines Erbrechtes, als Loslösung von einer erblich überkommenen Pflicht, ganz wie in Ruth 4, 7. Der erstgeborne Sohn deS verstorbenen Königs^ Rama, will hier wegen eines Gelübdes seines Vaters die Krone nicht annehmen, sondern sie seinem jüngern Bruder Farata übertragen. Da heißt es (in der Uebersetzung von Holtzmann, Stuttgart 1854): „Drauf wieder wandte Farata Zu Rama sich und sprach zu ihm: So ziehe, edler Raghawer, Die goldgestickten Schuhe aus. Zum Zeichen, daß dein Erbe du, Die Herrschermacht, mir überträgst. Und Rama zog die Schuhe aus Und gab sie ihm." — Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von 3. D. Hrrfchseld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.