Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 558 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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558 u. s. w. erstanden; aber vergleicht man dieses Edict mit der zu derselben Zeit im ganzen französischen Reiche, also Frankreich, Belgien, Holland und Italien, so wie in dem westphälischen Königreiche bestehenden Gleichberechtigung, so wird es Niemand als ein Emancipationsgesetz anschen; dasselbe begann jenes Jgnoriren der Synagoge, welches, der der Kirche beigelegten Autorität gegenüber, die Synagoge in Preußen erdrücken sollte, und was noch an freisinnigen Bestimmungen in dem Edicte vorhanden, wurde bald durch Eabinetsordres wieder aufgehoben. Unter derselben Regierung wurde den Juden, welche im Freiheitskriege sich das Anrecht auf Anstellung erworben hatten, die Wahl gestellt, sich taufen zu lassen, oder dieses Anrecht zu verlieren; wurden in den neu erworbenen Provinzen die alten Judengesetzgcbungen aufrecht erhalten, so daß 22 verschiedene Judengesetze im preußischen Staate bestanden, und z. B. ein Jude aus der Provinz Posen nicht nach Brandenburg, von dem einen Ufer der Elbe nach dem anderen nicht ziehen durste; dagegen wurde in den ehemaligen französischen und westphäliscken Landestheilen die Gleichberechtigung aufgehoben, aber das napolconische Ausnahmegesetz von 1S0S nicht einmal ISIS, wo es er löschen sollte und in Frankreich erlosch, aufrecht erhalten. Unter dieser Regierung wurde den Juden, die sich taufen ließen, ein klingendes Pathengeschenk verabreicht, den Juden verboten „christliche Vornamen anzunehmen" und die innere Autonomieder Synagoge verletzt, indem ihr Einrichtungen wie die Eonfirmation, Ehorgesang u. dgl. zu treffen verboten und sie darin polizeilich verhindert wurde. Wir glauben, daß dies Alles keine Momente für die Synagoge abgiebt, jene Säcularfeier gottesdienstlich zu begehen, mögen wir auch als Preußen für das Andenken des Königs die wärmsten Gefühle der Pietät hegen. Oesterreichischungarische Monarchie. Wien, Ende Juni. , Privatmitth.) In der Pfingstwoche tagte hier die XIX. deutsche Lehrervcrsammlnng. Am zweiten Verhandlungstage wurde die Frage des Religionsunterrichtes besprochen, und zwar speciell die Christen betreffend. Es wurden nämlich Anträge gestellt, den Geistlichen den Religionsunterricht aus der Hand zu nehmen und ihn den Lehrern zu übergeben. Diese Frage besteht für die Juden nicht. Es mag vielleicht da oder dort ein Uebergriff von Seite eines Rabbiners Vorkommen; da liegt es jedoch in der Gewalt der Gemeinde, den Rabbiner in die ihm gehörigen Schranken zurück zu weisen. Bei uns sind Uebelstände anderer Art. In einer Gemeinde verlangt man, der Lehrer soll das Mögliche und auch das Unmögliche leisten. Neben den allgemeinen Schulgegenständen sollen die Kinder in der Volksschule die ganze Bibel mit den Commentaren und wenn möglich auch Mischna und Talmud erlernen. In einer anderen Gemeinde wieder wünscht man, die Kinder sollen so wenig als möglich oder auch gar kein Hebräisch lernen. Hingegen klagt und schimpft man über den Religionsunterricht, wenn die Kinder, die im Hause nichts von Juden und Judenthum erfahren, im Laufe des Jahres außer etwa an hohen Festtagen nie das Gotteshaus sehen, wenig vom synagogalen Leben wissen. Vorige Woche fanden die Neuwahlen für den niederösterreichischen Landtag statt. Wir Juden haben einen Sitz verloren. Nur Herr Kuranda ist gewählt worden. Glauben Sie deshalb aber nicht, daß ein religiöses Motiv die Ursache sei. Die katholischen Klerikalen Haber hier, wie das Stimmenverhältniß zeigt, fast gar keinen Boden. —. Bekanntlich existirt hier auch eine türkische Judengemeinde, und feierte diese heute in ihrem Tempel das Fest der Thronbesteigung des Sultans Abdul Aziz. Der Tempel war festlich geschmückt und wohnten der Feierlichkeit, bei welcher das Gebet und der Choral für das Wohlergehen des Sultans und für die Erhaltung seines Thrones ertönten, auch der erste Botschaftssccretär und das Personale der hiesigen türkischen Gesandtschaft bei. «Der jetzige Sultan verdient dies aber auch, denn er hat sich jeder Zeit gegen seine israelitischen Unterthanen gerecht und wohlwollend erwiesen.) —. Am 23. Juni fand hier auf Grund der Congreßstatuten eine Sitzung der Pcster israel. definitiven Districtsrcpräsentanz statt, in welcher mit vielem Tacte und gutem Einvernehmen die vorliegenden Angelegenheiten, namentlich die Unterstützungen an kleinere Gemeinden aus dem Landessond, die Umgestaltung der Mustcrhauptschule in eine Gemeindeschule, so daß nicht