Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 556 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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556 Stimmung der Verherrlichung jenes Königs abgeneigt. Der Wunsch des Magistrates, den städtischen Behörden ein glänzendes Festmahl zur Feier des 3. August zu veranstalten, ist an dem allgemeinen Widerspruche der Bürgerschaft gescheitert. Der ständige Ausschuß der hiesigen Studentenschaft hat den Antrag, die Studentenschaft als Corporation an der Enthüllungsfestlichkeit sich betheiligen zu lassen, mit einer Mehrheit von mehr als zwei Dritteln abgelehnt. Aha. dachte Herr Pinner, um so besser, hier ist eine treffliche Gelegenheit, sich bei der Staatsregierung einzuschmeicheln! Er erläßt also einen Aufruf „an alle wahren Juden," worin er diese seine „Parteigenossen" auffordert, sich zur Vorbesprechung einer Betheiligung an der gedachten Feier zu versammeln. Daß dem Herrn Pinner das Judenthum „Partei"-Angelegenheit ist, darüber wollen wir nicht mit ihm rechten, das ist Geschmackssache; begierig waren wir nur zu wissen, wieso es das Kennzeichen eines „wahren Juden" ist, sich bei der Enthüllung eines Denkmals zu betheiligen? Hätte Herr Pinner nicht die Güte, uns diejenige unter den s-"-r Mizwoth nachzuweisen, welche die Feier jenes preußischen Königs anempfiehlt? Tenn es handelt sich ja hierbei nicht um politische Ansichten, sondern um religiöse, weil alle „wahren Juden," also alle wahren Bekenner des Judenthums aufgefordert werden. Jndeß Herrn Pinner ist es weder um Patriotismus noch Religion zu thun, sondern um sich in gewissen Kreisen zu empfehlen, und solchen Subjetten muß auch das Judenthum dienen. M. Berlin, 29. Juni. Entsprechend dem Bundeszesetze vom 3. Juli v. Ä. über die Gleichberechtigung der Confessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung ist in die unterm 30. v. Mts. erlassenenen Anordnungen des Bundeskanzlers über die Prüfung der Seefahrer und Seesteuerleute die Bestimmung ausgenommen, daß der Meldung zu den Prüfungen unter Anderen „der Geburtsschein" beizulegen ist, während bis dahin vielfach der „Taufschein" verlangt worden. Breslau, 30. Juni. .«Privatmitth.) Endlich ist die Zustimmung des Ministers von Mühler zu den Forderungen der hies. städtischen Bchörden, daß die neu zu eröffnenden Schulanstalten der Stadt einen confessionslosen Character haben sollen, hierher gelangt. Also auch dies Mal hat der entschlossene Wille städtischer Behörden den ministeriellen Widerderstand überwunden. — Lächeln macht hier das bekannt gewordene Wahlprogramm der „katholischen Partei." In demselben stehen dicht neben einander: die Bewahrung des christlichen Charakters der Schule und die Unterrichtssteiheit. Die Urheber des Programms wissen wahrscheinlich doch auch, daß diese beiden sich völlig aufheben; denn die Unterrichtssteiheit würde Jedermann gestatten, confessionslose Schulen zu eröffnen, und nähme der Staatsregierung die Möglichkeit, die Schule an den Orten confessionslos zu machen, wo man es wollen wird. Wahrscheinlicher ist es, daß man auch hier Klerikale und Radicale unter einen Hut bringen wollte, um nach dem Siege sich den Lkwenanrheil anzueignen. Hamm, 26. Juni. (Privatmitth.) Wir ersuchen Sie, Folgendes vom hiesigen Gemeindevorstande an Dr. Pinner in Berlin gerichtete Antwortschreiben zum Abdruck zu bringen.*) Es lautet: Hamm, 22. Juni 1870. Das von Ihnen uns zugesandte „offene Sendschreiben an den hohen Reichstag" hat leider ein Vorstands-Mitglied aus Versehen ausgeschnitten und so sind wir in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt, dasselbe zu behalten. Wir überreichen Ihnen inliegend dafür in Briefmarken den verlangten Betrag von 20 Sgr., damit wir nicht ferner von Ihnen mit Schreiben belästigt werden. Im Uebrigen schließen wir uns den Meinungen an, welche von vielen Gemeinden in der allgemeinen Zeitung des Judenthums ausgesprochen sind. Schämen müßten wir uns, wenn wir die übersandte Petition an den Reichstag unterschrieben hätten, denn durch solche Schimpsteden, wie Sie sie zu gebrauchen für nöthig gehalten, setzt man sich der allgemeinen Verachtung aus. Wir gehören gleichfalls zur orthodoxen Gemeinde, dennoch wünschen wir. daß Ihre Petition nicht weiter an das Tageslicht kömmt, damit dem Judenthume nicht geschadet wird. Der Vorstand der israel. Gemeinde. * Wst schließen hiermit die Wiedergabe dieser Correspondenzen. Redact.