Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 552 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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552 die Freiheit des Gewissens Jedem zuerkannt, wir haben niemals gedrängt und getrieben. Da man es aber von der anderen Seite will, so muß man sich entscheiden. Dann aber müssen auch Diejenigen aus dem Halbdunkel heraus, die stets mit großen Worten die Erhabenheit der jüdischen Lehre, das Judenthum als Weltreligion, als eine Religion des Lichtes und der Freiheit, die große Mission des Judenthums und des jüdischen Stammes preisen, aber wenn es ein Äekum purkan, eine Sabbathschnur oder sonst einen Brauch betrifft, das Heil, den Bestand, die Aufgabe des Judenthums darin finden. Entweder — oder. Entweder Ihr erkennt die Entwickelungsfähigkeit, das Umgestaltungsrecht des Ritualen an, oder Ihr lasset alle jene großen Erkenntnisse als hohle Phrasen fallen, und findet den Zweck des Judenthums und die Mission der Juden allein in der unverbrüchlichen und unveränderten Uebung jedes, auch des kleinsten Brauches und Minhags, überhaupt in der bloßen Praxis des gesammten überkommenen Convoluts von Satzungen nach dem Buchstaben. Die Slutprocessron in Srüssel. in. Die Fluch der Zeitungsartikel, Placate, Flugschriften über die Blutprocession am 15. d. M. steigt immer höher. Aus Allem geht hervor, daß dieselbe von der einen Seite immer heftigere Gegner, von der andern immer mehr Anhänger findet, und daß sie daher mit um so größerem Glanze vor sich gehen werde. Dahingegen werden schwerlich Unruhen und Tumulte statt finden. Die Fluch wird ablaufen, die Sache vergessen werden, aber die Schmach auf denen sitzen bleiben, welche sie unternommen haben. Eine der besten Broschüren, aus der Kevne de Belgique besonders abgedruckt, werden wir in der nächsten Nummer analysiren: le Jubild d’un faux miracle. Heute fügen wir zwei Correspondenzen über die allgemeine Lage in Belgien hinzu. Brüssel, 29. Juni. (Privatmitth.) Man läßt allerdings von liberaler Seite nicht nach, die Blutprocesfion zu bekämpfen. So wird in diesen Tagen eine öffentliche Vorlesung (Conference) über die Bedeutung dieser festlichen Procession abgehalten werden. Indem man das Volk über den Inhalt und den Zweck dieses Vorganges aufzuklären sucht, glaubt man den Klerus und» seine Bestrebungen in immer mehr Theilen der Masse bloszustellen. Dies Alles wird nicht verhindern, daß die Procession mit dem größten Pompe vor sich gehen wird, daß zahlreiche Haufen Solcher, die einmal unbedingt der Geistlichkeit anhangen, an ihr theilnehmen und daß noch größere Massen von Neugierigen sich dazu einfinden werden. Zu gleicher Zeit findet die Brüsseler Kirmeß statt, wozu die ländliche Bevölkerung von allen Seiten herbeizuströmen pflegt. Ohne daß also auch nur im Entferntesten tumultuarische Auftritte zu befürchten wären, wird es doch dieser Procession an Glanz und Flitter nicht fehlen, und doch wird diese ganze Erscheinung an sich nichts zu bedeuten haben, am wenigsten als ein Zeichen des unduldsamen mittelalterlichen Geistes. Nach unsrer Meinung hätte man daher besser gethan, über die ganze Sache Stillschweigen zu beobachten, denn was man doch nicht zu verhindern vermag, dem durch laute Protestationen von vornherein eine größere Bedeutung zu geben ist nicht sehr klug. Man hätte die Procession still vorübergehen lassen und dann erst die sie veranstaltende Klerisei beleuchten und mit dem ihr gebührenden Spotte geißeln sollen. Auf diese Weise hätte man seine eigne Schwäche nicht verrathen. — Ueber den Ausfall der letzten Wahlen zu Gunsten der klerikalen Partei herrscht nicht minder im Auslände eine unrichtige Vorstellung. Den Ausschlag gab Gent, und in dieser Stadt ist es eigenthümlicher Weise wie zur Sitte geworden, immer abwechselnd mit einer kleinen Stimmenmehrheit einmal die Liberalen, das andere Mal die Klerikalen aus der Wahlurne hervorgehen zu lassen. Diesmal hielt der Turnus an den Klerikalen, llebrigens wird es durchaus nicht schaden, wenn einmal wieder ein klerikales Ministerium am Ruder ist. Die liberalen Parteien vereinen sich dann in der Opposition und diese bringt dann die gesetzgeberische Maschine wieder etwas vorwärts, während, sobald die Liberalen am Ruder sind, sie sich spalten und der Staat stehen bleibt. Das Ministerium Frere-Orban war jetzt, ausschließlich achtzehn Monate eines klerikalen Ministeriums 1857, über 23 Jahre im Amte, und da ist es wohl Zeit, daß es durch neue Männer ersetzt werde. Im Auslande hält man Belgien für einen sehr avancirten Staat; es ist aber in vielen Dingen zurück-