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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-12 · Heft 28 (12.7.1870) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 28 (12.7.1870)
Date
1870-07-12
Page
Seite 551 (sequence 3)
Language
German
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551 und innigstens Gefühles zu breiten gewußt, welche alle Elemente der Religion in lebendigen und zusammenhängenden Fluß gebracht und darin erhalt. Selbstverständlich konnten in einer so langen wechfelvollen Geschichte alle diese Gebiete des Judenthums von den verschiedenen Epochen nicht unbeeinflußt bleiben; der Aberglauben und die Feindseligkeit drängten sich hinein und verdunkelten das Licht und die Reinheit; die allgemeine Finsterniß und Barbarei aller Völker mußten so auch auf die unter ihnen zerstreuten Anden wirken. Aber diese ihm aufgedrangten Flecken schwanden stets schnell und wie von selbst, sobald die Sonne der Cultur und der Aufklärung am Horizonte der Menschheit wieder aufgegangen war. Alle diese Vorzüge unserer Religion haben denn auch die Lehrer derselben wohlbegriffen, und seitdem das Wort wieder lebendig geworden in der Synagoge, laut ausgesprochen und nachdrücklich betont von der Kanzel, im Schulzimmer, durch die Schrift. Aber, wie wir oben schon auseinandergesetzt, giebt es außer diesen noch ein großes, religiöses Gebiet, das der Ritualien, Ceremonien, gottesdienstlichen Uebungen und Formen. Gerade weil das Judenthum auch vorzugsweise praktisch war und angelegt, das wirkliche Leben zu durchdringen und zu gestalten, arbeitete sich daS Rituale zu einem großen und detaillirten Ganzen aus. Vom Mosaismus an bis auf den heutigen Tag geleitete es das Judenthum in lebendigem Fluß durch alle seine Perioden, in den Grundzügen daffclbige, außer diesen nach dem Geiste und den Bedürfnisien der Zeit sich wandelnd. Auch dies letztere kann kein Wahrheitsfreund leugnen, ein einziger Blick auf den an die Stelle des Opsercultus getretenen Gebetcultus, auf die vielen Partien des mosaischen Ritus , die in der Zerstreuung des indischen Volkes unausführbar geworden, auf die, welche unter dem Einstuffe der Umstände verändert werden mußten, auf die Ausdehnung dagegen, die andere Partien im Laufe der Zeit, sehr weit von der ursprünglichen Absicht, erhielten u. f. w., lehrt dies genügend. Hier kommt nun die Frage herein, hat das jüdische Rituale eine solche Bedeutung, daß es die sämmtlichen anderen Gebiete, daß es die jüdische Gotteslehre, die ^ttenlehre, die socialen Principien so sehr in den Hintergrund schiebt, daß sie ihm gegenüber gar knne Bedeutung haben, weder das Judenthum in seinem Inhalt, noch den Juden in seinem Bekenntniß und seiner BethLtigung auSmachen, sondern dies Alles dem Rituale überlasten müssen. Aber die Frage steht nicht einmal so, vielmehr folgendermaßen: ist es das jüdische Rituale in der letzten Gestalt, die es in den letzt vergangenen Jahrhunderten erhalten hatte, in unbedingt unveränderlicher Gestalt, welches das Hauptelement des ganzen Judenthums auSmacht, so daß es das eigentliche und wesentliche Judenthum, daß es das Judenthum überhaupt ist? Bor dieser Frage steht Ihr, meine Glaubensgenoffen; denn sie wird Euch jetzt täglich von den sg. neueren jüdischen Orthodoxen gestellt. Die Religionslehre ist nach ihrer Behauptung von keiner Bedeutung, die Sittenlehre von keiner, das sociale Wesen nichts als Krimskrams—■ die unverbrüchliche Uebung und Festhaltung der geringsten Ritualvorschrift, des localsten Minhag ist allein Judenthum und macht allein den Juden aus. Wir übertreiben nicht. Sie erklären laut jeden Juden, der hiervon abweicht, für abtrünnig, für einen Mchtjuden. Sie verlangen nachdrücklich, daß sich ihre Anhänger von all' den Inden trennen, welche sich einen Schritt von diesem Standpuncre entfernt haben. Die Abschaffung oder Veränderung irgend eines Gebetes, ein dreijähriger Cyklus oder sonst dergleichen documentirt ihnen den Abfall vom Judenthume und ruft nicht blos ihren Widerspruch, sondern ihre Verketzerung, ihren Groll und Haß und den Schrei nach Trennung und Spaltung hervor. Also eines stärkeren Beweises, daß ihnen das Judenthum nichts als die Sammlung gewiffer religiös formaler Gebräuche in der seit den letzten Jahrhunderten überkommenen Gestalt ist, bedarf es nicht. Wie gesagt, diese Frage in ihrer bestimmtesten Weise liegt gegenwärtig allen Juden, ihren Lehrern und Wortführern, ihren Gemeinden und Individuen vor. Jene sg. neueren Orthodoxen haben diese Frage so gestellt, nicht wir. Wir haben stets den ewigen Lchr- und Sittengehall des Juventhums als dessen Wesen und Ziel anerkannt, wir haben aber auch das ganze jüdische Rituale in seiner Bedeutung und Wichtigkeit für das Judenthum und seine Bekenner hochgeschätzt und gewürdigt, es jedoch der geschichtlichen Entwickelung, der Rothwendigkeit des Lebens und dem Geiste" und den Bedürfnissen der Zeilen unterworfen erachtet, sowohl weil Thorah und Propheten dies uns lehren, als auch die Geschichte selbst und das Verfahren unserer Weisen dies erhärten. Hierüber haben sich nun die Bekenner des Judenthums im Großen wie im Kleinen, im Ganzen wie im Einzelnen zu entscheiden. Wir unsrerseits haben stets

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