Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 553 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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553 geblieben. Wir wollen hier nicht an den Wahlcensus erinnern, deffen Erweiterung jetzt Klerikale und Liberale auf ihre Fahne schreiben, sondern nur des Unterrichtsgesetzes gedenken, das z. B. nach der Majorität der Scküler jeder Unterrichtsanstalt einen so ausschließlich confessionellen Charakter giebt, daß in der Anstalt nur der Religionsunterricht dieser Cvnfession allein ertheilt werden darf, und unter ihrem Dache der Unterricht jeder anderen Confession neben jenem untersagt ist. Nun giebt es in Belgien keine einzige öffentliche Schule, in welcher die Mehrheit der Schüler nicht Katholiken wären, und so ist der jüdische wie protestantische Unterricht von allen öffentlichen belgischen Schulen ausgeschloffen, ja verbannt, und der ganze Charakter derselben specifisch katholisch. So giebt es noch viele Theile der Gesetzgebung, welche einer Verbefferung dringend bedürfen, sie aber durch die Spaltung der Liberalen, so lange sie das Staatsruder in Händen haben, nicht erlangt haben. Äst erst die große liberale Partei in der Deputirtenkammer wie im Senate geeinigt, so sind die Klerikalen nicht im Stande, ihr zu widerstehen. Brüssel, 1. Juli. (Privatmitth.) Mit Recht wenden Sie gegenwärtig die Aufmerksamkeit Ihrer Leser auf die Vorgänge in Belgien. Es scheint in der Thal, daß dieses Land der europäische Experimentirboden sei, so daß die politischen Proceduren, die auf ihm abspielen, ein Vorbild für Europa seien. Das echt parlamentarische Regime und die Neutralitätsfrage haben wohl nirgends so entscheidende Proben bestanden, wie hier zu Lande. Die numerische Gleichheit, in welcher sich so ziemlich die beiden großen Parteien, die klerikale und liberale befinden, und der Umstand, daß der Letzteren gerade die klerikale gegenüberstehl, die Fragen also nicht blos politischer, sondern auch kirchlicher Natur sind, die klerikale Partei aber ihren Zwecken gemäß auch sehr leicht ins Liberale pfuscht, sich darum ebenso leicht mit den äußersten Radicalen zu verbinden geneigt ist, dies macht Belgien zu einem Dersuchsterrain befähigt. Das klerikale Ministerium ist also fertig und wird mit einem liberalen Programme auftreten, nämlich mit der Herabsetzung des Wahlcensns; vielleicht sogar mit dem suffrage universel, Verminderung der Miltärlasten, befferer Vertheilung der Steuern. Hinter dieser Maske wird es mit desto größerem Vortheil seine Klöster-, Schul- und Begräbnißfragen austrageu. Sonntag wird die Auflösung der Kammern im Moniteur decretirt fein. Die tiefe Spaltung der liberalen Partei in Dvctrinärs und Progressisten kann sehr leicht den Klerikalen die Majorität verschaffen bei dieser Neuwahl so gut, als bei der eben vollbrachten 'theilweisen. Bon welchen Zufälligkeiten hier zu Lande die Majorität bei den Wahlen, weil sich die Parteien so gleich stehen, abhängt, mag Folgendes erweisen. Ein hiesiges Bankhaus sucht die Concession für eine Eisenbahn in der Gegend von Charleroi nach, welche dieser zu großem Vortheil gereichen würde. Das Ministerium verweigert sie, weil sie so kurz vor den Wahlen als Pression angesehen werden könnte. Die aufgebrachte Bevölkerung wählt die drei ministeriellen Abgeordneten nickt wieder, sondern deren Gegner, — und das Ministerium fällt. Würde das suffi-age nniversel eingeführt, so würde die klerikale Partei wahrscheinlich außerordentlich gewinnen, da sie sich mit den Socialisten in enger Verbindung erhalt, und somit die Bauern durch die Pfaffen, die Arbeiter durch die Socialisten in ihrer Hand hätte. So ist es sicher, daß Belgien gegenwärtig in eine schwere Krise eintritt. Aber, wie gesagt, eine solche hat eine europäische Bedeutung. Es ist nicht zu leugnen, daß in der ganzen europäischen Welt die kirchliche Frage sich zu einem neuen großen Kampfe anschickt. Der Liberalismus glaubte die Kirche besiegt und die kirchliche Frage beendet zu haben, so daß es eben nur noch auf die einzelnen Stationen ihrer Lösung ankomme. Aber die ungeheure Macht, welche die Kirche über das gesammte Landvolk und über einen großen Theil der städtischen Maffe in den katholischen Landern aller Nationalitäten noch besitzt, eine Macht, die gerade dadurch wächst, daß der Liberalismus das Volk von den unmittelbaren Lasten seitens des Klerus befreit hat, drängt zu einem neuen Kampfe, deffen Ausfall allerdings Niemand mit Sicherheit voraussehen kann. Nur in den protestantischen Ländern ist bis jetzt hiervon keine Spur, denn die einzelnen Fragen, z. B. die Schulfrage, besitzen eine solche Bedeutung nicht. Dagegen ist offenbar in Rußland die kirchliche Frage in großer Bewegung, nur daß sie hier von Kirche gegen Kirche erhoben ist, wenn sie auch in ihren Motiven eminent politischer Natur ist. Da nun zu gleicher Zeit die offene Kriegserklärung jetzt von Rom ausgeht, so kann an dem Ausbruch kaum gezweifelt werden. Die eben vollzogenen Wahlen in Oesterreich, die so vielfach zu Gunsten der klerikalen Partei ausgefallen, die Verbindung der letzteren mit den Nationalitäten im Kaiserstaate — weil die österreichische Centralgewalt sich dem