Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 550 (sequence 2)
- Language
- German
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550 für sich allein? Eine Wurzel, von der der Stamm abgeschnitten und alle übrigen Theile des herrlichen Baumes medergeworfen sind und verwesen. Nur wo Ihr eioeu Baum in der Pracht seiner Blüthen und seines Laube- und im Segen seiner Fruchte erblickt, wisset Ihr, daß der Stamm gesund und die Wurzel reich und saftvoll ist. Hier hinein kommen nun alle die religiösen Vorschriften, welche nicht unmittelbar ein sittliches Thun zum Inhalt haben, alle die Ceremonial- und Ritualgesetze, c<öe die gottesdienstlichen Uebungen und Formen. Sie sind, nach Beschaffenheit der Menschennatur, nvthwendig, unentbehrlich, also gewiß von außerordentlichem Werthe. Sie erwecken den Geist, die religiösen Gedanken immer wieder zn denken, sie erregen das Gemüth, die religiösen Gefühle immer wieder zu fühlen, und beeiustuffen so auch das sittliche Handeln des Menschen. Thun sie dies Alles, erfüllen sie mehr oder weniger, öfterer oder seltener, aber immer doch einiger Maßen und manchmal diesen Zweck, so ist ihre Bedeutung, ihr Bestand, ihre Uebung nicht hoch genug zu schätzen. Sie sinv, um im Gleichniß zu bleiben, die Rinde und der Bast und die Röhren, die sich durch den ganzen Baum des Lebens ziehen. Aber sie sind nicht das Mark und der RahrungSsaft selbst, und für sich allein können sie weder Laub, noch Blüthe, noch Frucht Hervorbringen. Also auch hier sind die religiösen Lehren und die bloße begriffliche Beschäftigung mit ihnen und die Gesammtheit der Ceremonien, Uebungen und Formen für sich allein nur unbrauchbare Theile, und ohne echt religiöses Fühlen und wahrhaft sittliches Thun unfruchtbar; leblos. DieS Alles ist einfach, ist klar wie das Licht der Sonne. Und demnach «ollen zahllose Menschen es nicht begreifen oder doch nicht festhalten und lassen sich tauschen von Denen, welche ihren Nutzen darin finden, sie zu tauschen. Nur wo Ihr Liebe und Recht, Wahrhaftigkeit und Billigkeit findet, da allein suchet auch nach Religion. Diese kann ohne jene nicht vorhanden sein. Sittlichkeit allein ist noch nicht Religion; sie ist es erst, wenn sie ihren Ursprung auS dem Quell der Gotteserkenntniß zieht, wenn sie ihren Ankergrund in Gott hat, wenn sie die Folgerung vom Begriff des göttlichen Wesens und Willens ist, wenn sie sich in beständigem Zusammenhang mir Gott erhalt. Aber die Religion Ähne Sittlichkeit ist lodt, abgestorben. Wer Euch also eine Religion anbittet, ohne zugleich den Charakter reinen sittlichen ThunS an sich zu tragen, wer Euch die Religion in Verbindung mit Haß und Hader, mit Lüge und Verleumdung, mit Denunciation und Verfolgung, mit List und Räukefpiel verbunden darbietet, vor dem hütet Euch, der hat keine Religion, der -tragt eine Larve statt eines lebendigen Gesichts, und statt eines Herzens eine Giftkammer in seiner Brust. Ja, die Religion kann der ftvunueu Uebung, der erweckenden Form, der überlieferten geheiligten Ceremonie nicht entbehren. Ohne sie werden religiöses Denken und Fühlen sich nicht lange erhalten, sich nicht auf Geschlechter verpflanzen, und das sittliche Thun in feinem religiösen Gehalte viel verlieren. Wer aber Euch diese Ceremonie, Ritualien, religiösen Formen und Uebungen für die Religion selbst, für die Religion allein, für die religiöse Existenz, für das ganze und alleinige Heil auSgiebt, vor dem hütet Euch, der will Euch täusche», der will Euch um die wahre Religion betrügen, der will Euer religiöses Denken verdummen, Euer religiöses Fühlen verstocken, und Euer sittliches Thuu ist ihm ganz gleichgültig, denn er fordert Euch zu Haß und Verfolgung auf,, und ein „frommer" Dieb ist ihm lieber als der ehrenvollste Mensch, wen« er eine Satzung Übertritt, wenn er über eine Ceremonie anders denkt als er. Wohl, glaubet mir nicht, aber glaubet den Propheten! Daß die Lehre des Judenthums die lauterste ist, daß sie den der Vernunft und dem Herzen entsprechendsten Deismus, aber hervorgegangen aus viertausendjahriger Geschichte, von dieser getragen und gestützt, verkündet, ist nicht blos von ihren Bekenner« anerkannt und gewürdigt, sondern wird es immer mehr und mehr auch außerhalb unseres Kreises. Nicht minder stellt Jedermann, der vorurteilslos die Sittenlehre des Judenthums prüft, dieser das Zeugniß aus, daß sie die reinste und gesündeste ist, da sie mit Innigkeit und Tiefe zugleich jede Nebertreibung, jede weichliche Sentimentalität vermeidet, sondern dem Menschen die höchsten erreichbaren Ziele aufstellt. Zugleich bricht sich die Erkenntniß immer mehr Bahn, daß das Ur- und Grundelement des Judenthums, der Mosaismus, das wirkliche Leben nicht in zwei gesonderte, sich fremde Partien gespaltet, in das individuelle und daS gesellschaftliche Leben, nicht das erstere als das Gebiet der Religion, das andere als ihr entzogen betrachtet, sondern auch für Gesellschaft und Staat die höchsten Principieu prvckamirt hat. Ueber dieses Ganze endlich hat das Judenthu«, insbesondere ans ver Familie heraus, eine Strömung des üefsten