Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1870)
- Date
- 1870-07-05
- Page
- Seite 547 (sequence 19)
- Language
- German
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547 sagte: „Jawohl glaube ich, daß es Euch bitter ist, weil es mir so süß ist mich an Euch gerächt zu sehen. Ich habe Euch mit eigener Gefahr den Wellen entrißen, Euch mit großer Anstrengung das Leben erhalten und unter meinem Dache sollt Ihr genesen. Das ist meine Rache für die vielen Schäden und Unbilden, die ich von Euch erfahren, und diese Rache ist süß. An Eurem Gelde sollt Ihr nichts verlieren." Einige Tage später verließ Meier ganz wiederhergestellt das Haus dessen, den er so hart verfolgt. Er ließ fortan Jakob in Ruhe und dieser erfüllte vollständig sein Versprechen, wenn auch erst in einem längeren Zeitraum, als er geglaubt. Dann erst athmete er frei auf und das volle Glück zog in das kleine Haus am rechten Ufer des Stromes zu dem Manne mit seiner Gattin und seinen beiden Kindern ein. Correspondenz. Das Jubelfest eines evangelischen Predigers. Reichenbach i. Schlesien, im Juni 1870. Eine seltene Feier vereinigte am 9. d. M. alle Glaubensgenostenschaften hiesiger Stadt; es galt einem würdigen humanen Manne die Beweise der Hochachtung darzubringeu. Herr Pastor prim. Weinhold (Vater des bekannten Profestor W. an der Universität zu Kielj, ein 7 7 jähriger, aber an Körper und Geist noch rüstiger Greis, feierte an diesem Tage das 50jährige Jubiläum seiner geistlichen Würde, in welcher er in hiesiger Stadt allein durch 47 Jahre wirkt. Alles beeiferte sich, diesem tüchtigen Gelehrten, diesem trefflichen Redner, diesem ehrenwerthen Manne Theilnahme zu bezeigen und seinen Ehrentag zu verschönen. Alles, was der Aufklärung huldigt, betheiligte sich an den diesem Greise gewidmeten Ehrengaben und Festlichkeiten. Hierin stand die jüdische Einwohnerschaft nicht zurück, und diesen Gesinnungen, welche sie für diesen Ehrenmann hegt, hat Herr Prediger Cohn, als Führer der israel. Deputation, in seiner Ansprache, die er an den Jubilar in dessen Behausung inmitten anderer Deputationen und im Beisein einer zahlreichen Geistlichkeit richtete, getreulich Ausdruck gegeben. Wir senden diese Ansprache Einer verehrlichen Redaction deshalb behufs Veröffentlichung zu, weil sie unter allen an diesem Tage gehaltenen Reden die einzige ist, welche, auf allgemeines Verlangen, in ihrer Ausführlichkeit in den beiden hierortserscheinenden Blättern veröffentlicht worden ist: Geehrtester Jubilar! Gestatten Sie mir, an Ihrem heutigen Freudentage, die Gesinnungen meiner Gemeinde, die Sie für Ew. Hochwürden hegt, in kurzen Worten darzubringen. Es ist Pflicht eines jeden Israeliten, beim Anblick eines Weisen, eines Gelehrten anderen Glaubens folgendes Dankgebet an Gott zu richten. Diese Pflicht erfülle ich hier: Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der von seiner Weisheit einem Sterblichen (dem Fleisch und Blute) mitgetheilt hat! Es dürfte die Frage entstehn: Wer ist weise, wer gelehrt zu nennen? — Ich glaube, daß jeder demuthsvolle Weise eine solche Benennung zurückweisen müßte, weil, je tiefer in die Wiffenschaft eingedrungen, er zur Einsicht gelangt, daß unser Wissen nur Stückwerk ist. Dennoch finden wir das Kriterium für die Bezeichnung eines Weisen in den Worten des weisesten Königs, welche ich, geehrter Jubilar, ohne Ihnen Weihrauch streuen zu wollen, mit voller Berechtigung auf Sie anwenden kann. Spr. 11, 30. Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens, und derjenige, der Seelen für sich einnehmen kann, ist ein Weiser. Wenn Ihnen, geehrter Jubilar, in der Mitte Ihrer Gemeinde Verehrung, Hochschätzung und Liebe entgegengetragen wird, so durste dies seinen Grund darin haben, weil sie den Baum des Lebens, d. i. echte Religiosität, unter sie zu pflanzen bestrebt gewesen, nach dem ersten Theile der Spruches: Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Le- Lebens. — Wenn ich Ihnen aber hiermit ausspreche, daß auch außer Ihrem Kreise, und ganz besonders in der Mitte der israelitischen Gemeinde, Sie verehrt, geschätzt und geliebt werden, so muß wohl Ihr Verdienst darin liegen, daß Sie stets bestrebt waren, Ihre Güte, Ihre Liebe, Ihre Humanität selbst über den Kreis Ihres Wirkens hinaus zu tragen. Wer sich ein solches Verdienst erwirbt, der ist wohl ein Weiser zu nennen, weil ja eben der Schluß unsres Spruches lautet: Wer Seelen für sich einnehmen kann,ist ein Weiser. Der Herr, der Ihnen diese köstliche Gabe, deren ich erwähnte, verliehen hat. Er verleihe Ihnen auch den Segen, von welchem derselbe Weife an einer andern Stelle spricht: Spr. 3, 2. Langes Leben, glückliche Jahre und Frieden mögen Dir gemehrt werden. — Und so segne ich Sie mit den Priestersegen: Der HErr segne Sie und behüte Sie. Der HErr laffe leuchten sein Angesicht über Ihnen und sei Ihnen gnädig. Der HErr erhebe sein Angesicht auf Sie und gebe Ihnen seinen ewigen Frieden: Frieden in Ihrem Innern, Frieden in Ihrem Hause, Frieden in Ihrer Gemeinde. Amen! Der Jubilar antwortete, tief bewegt, ungefähr Folgendes : Er müffe es sich gefallen laffen seine Verdienste am heutigen Tage überschätzt zu sehen. Es sind mir gestern und heute von Ihrer Gemeinde so vielfache Beweise der Theilnahme geworden, daß ich dadurch freudig