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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-05 · Heft 27 (5.7.1870) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 27 (5.7.1870)
Date
1870-07-05
Page
Seite 548 (sequence 20)
Language
German
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548 überrascht bin. Ich habe, so gern ich eS gewollt hatte, Ihrer Gemeinde niemals nützlich fein können; ich trage aber das Bewußtsein in mir, ihr niemals geschadet zu haben rc. :c. Vermischtes. Das „Vaterland", ein reactionares, ultramontanes Blatt in Wien, bringt einen Artikel, in welchem es heißt: „Wien darf keine Provincialstadt werden — aber es soll sein das neue Jerusalem, die Metropole Israels. Wer bewohnt die Paläste an der Ringstraße? — Die Juden. Wer ist im Besitze der prunkenden Läden am Graben? — Die Juden. Wer beherrscht die Wiener Presse? — Die Juden. Wer steht an der Spitze jener Fabriken, welche das Kleingewerbe und den freien Handwerkerstand vernichten? — Die Juden. Wer caffirt die fetten Dividenden der Actien ein? — Die Juden. Für wen wird im Winter Theater gespielt? — Für die Juden. Wer besetzt im Sommer Baden, Böslau, Nußdorf und die anderen Vororte der Hauptstadt? — Die Juden. Wem kommt die Civilehe zu Gute? — Den Juden. Wer aber wird allmählich aus Wien auswandern muffen, wenn es so weiter fortgeht? — Sicherlich nicht die Juden. Niemand will Wien in eine Provincialstadt verwandeln, aber wir wollen es noch weniger in ein Ghetto umgestaltet sehen."*) Auf den boshaften und ebenso lächerlichen Artikel des Wiener „Vaterlands" antwortet unter den „Mittheilungen aus dem Publicum" in der „Neuen freien Preffe" Jemand folgendermaßen: Herr Redacteur! Sie hatten ganz Recht, neulich die Jeremiade des „Vaterlands" mitzutheilen, in welche dasselbe über das neue Jerusalem, Wien, ausbricht. Doch warum haben Sie sich jede Bemerkung dazu versagt? Warum haben Sie auf die Fragen des „Vaterland" mit keiner Sylbe geantwortet? „Wer bewohnt die Paläste an der Ringstraße?" fragt das „Vaterland" und antwortet: „Die Juden." Fragen Sie doch gefälligst das „Vaterland", ob es dazu auch die Juden Graf Colloredo, Graf Kinsky, Erzherzog Wilhelm, Erzherzog Ludwig Victor, Herzog von Würtemberg. Dräsche, Schöller, Graf Traun, Graf Hoyos, Graf Zichy, das Adelige Casino, Baron Mayer u. s. w. zählt? „Wer beherrscht die Wiener Preffe?" fragt das „Vaterland" und antwortet wiederum: „Die Juden." Nun, werden denn „Volksfreund" und „Vaterland", welche nach dem Glauben ihrer Herausgeber angeblich die Organe *) DnS wird Manchem gefallen; allein, abgesehen von der crasfen Ueberrreibung, läge doch, wenn auch nur etwas Wahrheit darin wäre, ein glänzender Beweis für die Intelligenz, Arbeitsamkeit und Befähigung der Juden darin, ein unwillkürliches Zeugniß. Redaktion. der ungeheuren Majorität des österreichischen Volkes sind, von Juden redigirt? „Wer steht an der Spitze der Fabriken?" fragt das „Vaterland" und antwortet abermals: „Die Juden." Ja freilich, die Sinecuren im Domcapitel zu St. Stephan und in allerlei Hof- und Staatsämtern sind nicht mit Juden besetzt. „Wer cassirt die fetten Dividenden der Actien ein?" fragt das „Vaterland", und wieder ruft es: „Die Juden." Lesen Sie gefälligst das Verzeichniß der Actionäre unserer großen Institute und Actien.-Gesellschaften, und Sie werden darunter finden den kaiserlichen Familienfonds, den Herzog von Modena, ganze Reihen altaristokratischer Namen. Sind sie alle den Juden beizuzählen? Sind sie Juden, weil sie Actien haben, oder sollen die Juden, welche Actien haben, auf die Dividenden zu Gunsten der Andersgläubigen verzichten? „Für wen wird im Winter Theater gespielt?" fragt das „Vaterland". „Für die Juden", meint es auch hier. Sind sie wirklich Alle Juden, welche das Privilegium der Logen-Abonnements in den beiden Hoftheatern besitzen? Zählt das ganze diplomatische Corps, zählen alle Minister, zählen alle Hofchargen, zählen alle unsere fürstlichen und gräflichen Geschlechter wirklich zu den Juden? „Wer besetzt im Sommer Baden, Böslau, Nußdorf und die anderen Vororte?" fragt das Saterland" und giebt auch hier den Bescheid: „Die Juden." WÄn gehören denn die Billen in Baden und Böslau, dort, wo Baron Doblhoff und Graf Fries die Grundherren sind? „Wer wird aus Wien auswandern müssen, wenn es so weiter geht?" ruft das „Vaterland" aus und meint: „Sicherlich nicht die Juden." Das glauben auch wir. So lange es bei der heutigen Gesetzgebung verbleibt, so lange hier nicht die Rumänen regieren, so lange nicht das alte Judengesetz wieder eingeführt wird, haben die Juden keinen Grund, auszuwandern, und wenn ihr sie verlästert, weil es ihnen gut geht, so schaut auch einmal auf die Listen aller Wohlthätigkeits- und gemeinnützigen Anstalten und sagt, ob sie nicht ausgiebig ihren Tribut von dem zollen, was sie selbst errungen? „Wir wollen Wien nicht mein Ghetto umgestaltet sehen," schwört das „Vaterland". Nun wahrlich, wir verstehen diesen Ausruf. Dem „Vaterland" träumt vom Ghetto, träumtvon jenen Zeiten, wo Juden ein Abzeichen an ihrer Kleidung tragen mußten, wo ihnen die Ansiedlung in Wien verboten war, wo ihnen das Recht zur Berheirathung vorenthalten wurde, wo die Junker sich herablaffend zeigten, wenn sie dem Juden, der sein Darlehen zurückzufvrdern kam, ins Gesicht spien. Die Zeiten sind freilich vorbei, und es ist eine Geschmacklosigkeir, in einer Stadt wie Wien, wo die religiöse Toleranz und die Eintracht der Confession ungetrübt trotz aller politischen Kämpfe waltet, eine neue Aera der Judenverfolgung heraufbeschwören zu wollen. Ein alter Katholik. Verlag von Damngärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschseld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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