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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-05 · Heft 27 (5.7.1870) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 27 (5.7.1870)
Date
1870-07-05
Page
Seite 546 (sequence 18)
Language
German
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546 Wiege^und die Kinder in die andere Stube des''Hauses, damit der Schlaf des Kranken durch kein Geräusch gestört werde. Es kam wie der Arzt vorausgesagt. Stundenlang saß Jakob neben dem Bette und hatte Zeit genug seine veränderte Lage zu durchdenken. Er hegte das Gefühl, daß Meier jetzt wohl schwerlich in seiner Verfolgung beharren würde und freute sich all' den Vorstellungen nicht gefolgt und nicht geflohen zu sein, obgleich er sich eingestand, daß der Verstand es eigentlich geboten hätte. Er sah sich als ein Werkzeug der göttlichen Vorsehung an, welche sein und der Seinigen Geschick wie einen Knoten lösen, aber nicht durchhauen gewollt- Die Sonne sank schon dem Westen zu und sandte vom Abendhimmel, der sich von allem Gewölk wieder gereinigt hatte, goldene und purpurne Slrahlen vurch die kleinen Fenster des Hauses. Da erwachte Meier abermals und sofort schien ihm das volle Bewußtsein zurückgekehrt, und er mit dem ihm einwohnenden Scharfblick Alles zu durchschauen, was vorgegangen. Sein hartes Gesicht, auf welchem sich etwas fieberhafte Röche gesammelt, schien nicht weicher geworden; der bittere Ausdruck in ihm war nicht gewichen. Doch vielleicht war dies nur die Folge des Schreckens, der Angst, des Todeskampfes,^ welche er durchgemacht hatte. Nach einer Pause des Schweigens wandte er sich zu Jakob mit den kurzen barschen Worten: „Wo habt Ihr meinen Rock? langt ihn mir her!" Jakob gehorchte und brachte den noch vom Wasier durchtränkten Rock. Hastig griff Meier nach der Brusttasche — sie war leer. „Habt Ihr hier Nichts herausgenommen?" stieß er hastig heraus. „Nichts, nichts," betheuerte Jakob. Meier betastete noch einmal alle Taschen des Rockes und brachte Schlüsiel, Portemonnaie, ein Zuschlagemeffer und dergleichen mehr hervor; von Papieren keine Spur. Da ließ er den Rock auf den Boden fallen, seinen Kopf auf das Kiffen. „Es ist vorbei," stammelte er mit tiefer Erregung, „der Haftbefehl ist weg, alle Schuldscheine sind,weg. Ihr habt mir das Leben gerettet, ich bin Euer Schuldner geworden, statt daß Ihr der meinige gewesen. Ich kann nichts mehr gegen Euch einklagen. Ihr habt das Spiel gewonnen." „Nun," erwiderte Jakob, „ich war Euch eigentlich auch nichts schuldig. Ich habe niemals einen Pfennig von Euch empfangen. Daß Ihr meine Schuldscheine aufkauftet, war Euer Risico. Aber beruhigt Euch; ich bin ein ehrlicher Mann und will Niemanden durch mich Schaden erleiden lasten. Ich werde Euch bezahlen, Alles bezahlen, sowie ich es nur kann." „Das wollt Ihr thun, Jakob?" rief Meier aus und die Freude leuchtete aus seinem Gesichte heraus. „Wann wollt Ihr es thun? Ich laste Euch selbst die Termine feststeüen. Gebt Papier und Feder her, wir wollen gleich Alles abmachen." Der Kranke schien alle seine Kräfte wiedererlangt zu haben, denn er richtete sich im Bette auf und gestikulirte lebhaft mit dem Arm. „Nicht so, Meier!" erwiderte Jakob mit einem bitteren Lächeln. „So heißen wir nicht. In Euren guten Willen oder vielmehr in Eure Gewalt gebe ich mich nicht wieder. Ich werde mich wohl hüten. Euch etwas Schriftliches zu übergeben. Ich werde Euch bezahlen bei Heller und Pfennig, das gelobe ich Euch. Aber wenn Ihr das wollt, so dürft Ihr mich nicht mehr verfolgen, mir den Erwerb nicht mehr abschneiden, mir die Kunden nicht abspenstig machen, mich bei jeder Licitation nicht überbieten. Euer Bortheil geht jetzt mit dem meinigen Hand in Hand. Wenn Ihr mir Raum lasset, Etwas zu verdienen, werde ich bezahlen nach und nach und in Jahr und Tag von Euch ftei werden. Ich werde keinen Thaler verdienen, ohne einige Groschen davon für Euch zurückzulegen." Der Kranke warf Jakob einige scharfe Blicke zu, antwortete aber nichts. Nach einiger Zeit erst hob er von Neuem an: „Ihr könntet mir aber doch etwas Schriftliches geben, Ihr würdet mich dadurch beruhigen, und das ist in meinem jetzigen Zustande etwas werth. Seht, freilich hat der geftäßige Fluß den Haftbefehl und Eure Schuldscheine verschlungen, aber Eure Gläubiger sind doch noch da, und Ihr werdet als ehrlicher Mann ihnen die Schuld nicht abschwören. Die Sache wird ein wenig länger dauern, aber sicher kommt Ihr wieder in dieselbe Lage, aus welcher Euch mein Unglück für den Augenblick befreit hat. Also ist es besser, Ihr setzt Euch mit mir auf guten Fuß." Jakob hatte viel Mühe den in ihm aufsteigenden Aerger niederzuhalten. Das hätte er sich doch nicht gedacht! Eben von den Pforten des Todes einige Schritte entfernt und solche Gesinnung! „Ich habe Euch meinen festen Willen kundgethan," erwiderte er endlich, „und werde nicht davon abweichen. So viel verstehe ich von diesen Dingen auch. Den Haftbefehl könnt Ihr nicht wieder erneuern, weil die Wechsel fehlen. Gläubiger habe ich nicht mehr, denn sie haben ihre Forderungen an Euch verkauft. Sie können nur als Zeugen für Euch dienen und dann müssen sie auch aussagen, was und wie viel sie dafür von Euch bekommen haben, und dann werden Geschichten zu Tage kommen, die Euch nicht zur Ehre gereichen, ja die Euch gefährlich werden können. Also da lasset uns lieber bei dem bleiben, was ich Euch vorgeschlagen und versprochen habe, und ich werde es getreulich halten. Das sage ich Euch aber: sobald Ihr einen einzigen Prozeß gegen mich einleitet, halte ich mich von allen Verpflichtungen gegen Euch ftei." Jakob hatte dies mit so entschiedenem Tone, ja mit einem Anflug von Ingrimm gesagt, und Meier mußte sich eingestehen, daß hier nichts mehr zu thun blieb. Er murmelte nur vor sich hin: „Es ist bitter, so die Frucht mehrjähriger Anstrengung und sein Geld obendrein zu verlieren, und dies durch einen einzigen Windstoß, der mir das Ruder aus der Hand schlug!" Da erhob Jakob noch einmal seine Stimme und

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