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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-05 · Heft 27 (5.7.1870) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 27 (5.7.1870)
Date
1870-07-05
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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537 den Staatsämtern. Zum Richteramt kann nur derjenige zugelassen werden, der nach absolvirtem akademischem Triennium drei, jetzt zwei Examina bestanden hat. Das Religionsbekenntniß gehört zu den Erfordernissen, die das Gesetz vorsieht, nicht. Zu dieser Einschränkung, die eine rein willkürliche bis jetzt gewesen ist, kamen wir durch die Fiction, daß Preußen ein christlicher Staat sei. Preußen ist ein Verfassungsstaat, in welchem alle Staatsangehörige vor dem Gesetz gleich sind. Dem jetzigen Justiz - Minister bleibt immerhin das Verdienst, daß er die Schranken, die bisher bestanden, durchbrochen hat. Es bedurfte hierzu nicht gewaltiger Anstrengungen, auch keines Aufwandes von Dialektik, sondern blos der objectiven Auslegung des Gesetzes, und zu der hat der Justizminister sich verstanden. Seine Vorgänger hatten hierzu entweder nicht genug Unbefangenheit, oder es fehlte ihnen der gute Wille. Graf zur Lippe kann füglich übergangen werden. Herr v. Bernuth wäre wohl noch am ersten zu dem Entschluß gekommen, dem Gesetz volles Genüge zu leisten, hätte die neue Aera überhaupt verstanden, eine einzige energische That zu produciren." Posen, 22. Juni. 4Die hiesige Ostdeutsche Post schreibt: Zu Ostern wurde in der hiesigen Paulikirche der Israelit I. aus Warschau getauft. In der vorigen Nacht hat derselbe sich in der Wohnung des Missionärs, der ihn getauft hatte, erhängt. Man vermuthet, daß der Selbstmord aus Reue über seinen Uebertritt verübt worden ist. Paderborn, im Juni. (Privatmitth.) Die hiesige „Jsraelittsche Waisen-Erziehungs-Anstalt für Knaben und Mädchen in Westphalen und Rheinland," unter der Leitung des Frl. Fanny Nathan, hat ihren 12. Jahresbericht veröffentlicht, aus welchem das Blühen und Wachsen der Anstalt in erfreulicher Weise hervorgeht. Auch im abgelaufenen Jahre hatte sie 33 Zöglinge, nämlich 25 Knaben und 8 Mädchen, und ist deren Erziehung von den gedeihlichsten Erfolgen begleitet. Die Beittägc und Spenden flössen ihr in etwas erhöhtem Maße zu, so daß bei einer Einnahme von 7085 Thlr. zum eisernen Fond 1540 hinzugefügt und der Cassenbestand von 56 Thlrn. zu 631 Thlrn. gesteigert werden konnte. Der Fond besteht jetzt aus 6822 Thlrn., wozu das schöne Haus mit denEUtensilien hinzukommt. Man sieht hieraus, daß die Anstalt doch einer größeren Zuwendung von Stistungsgeldern bedarf, um ihren zukünfttgen Bestand immer mehr zu sichern. Nicht minder bedarf sie anwachscnder jährlicher Beiträge, damit die Zahl der Zöglinge vergrößert werden könne. An Anmeldungen und Ansprüchen fehlt es nicht. In der That ist es zu verwundern, daß die Israeliten zweier großen und reichen Provinzen nicht mehr für ein Werk thun, das von so großer Nothwendigkeit und Segen ist und sich bereits so tüchtig bewährt hat. Mögen diese Zeilen dazu beittagen, die Aufmerksamkeit der Wohlthäter auf diese Anstalt zu richten. (Wir schließen uns diesem Wunsche aufs Dringendste an. Redattion.) Oesterreichischungarische Monarchie. Wien, 24. Juni. Bis jetzt sind zwei Israeliten in den niederösterreichischen Landtag gewählt worden: vr. Ignaz Kur and a (wiedergewählt) und H. von Wertheim. Die Klerikalen sind in ganz Niederösterreich unterlegen. Pest, 24. Juni. (Privatmitth.) Auch durch das Plebiscit der Gemeinde ist die Wahl des vr. Kayserling zum hiesigen Oberrabbiner bestätigt worden, und erreichte die Zahl der Ja fast das Fünffache der Nein. Wie wir hören, wird vr. Kayserling ttotz der Anstrengungen, welche seine bisherigen Gemeinden machen, um ihn zu behalten, und ttotzdem sie ihm eine bedeutende Gehaltserhöhung anttugen, seine hiesige Wahl annehmen. Das Wiener „Vaterland" hatte einen judenfeindlichen Artikel ärgster Art gebracht. (Wir theilen ihn sammt einer Widerlegung im Feuilleton mit. Redaction). Graf Nik. Bethlen tritt in seiner Wochenschrift demselben entgegen. Es heißt darin „Die Juden sind durch ihr Talent und ihre Thätigkeit ein bedeutender Factor der Civilisation geworden und wir können sie in Pest brauchen. In Pest selbst finden wir zwei Städte. Der eine Theil von Pest gleicht einer europäischen Handelsstadt, — es ist I die Stadt der Juden. Der andere gleicht einem großen Dorfe der Wüste, — es ist die Stadt der Magyaren. Alles, was in Pest ein Werk der Civilisatton, als ein Zeichen der europäischen Cultur bettach-

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