Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-05 · Heft 27 (5.7.1870) · p. Seite 531

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 27 (5.7.1870)
Date
1870-07-05
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226772--28522-3302357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

531 giöse Gleichgültigkeit spitzt sich auch in einer ansehnlichen Zahl von Individuen zur Gegnerschaft gegen alle Lestrebungen zu, die das Jndenthum zu erheben, zu klären und den Gemächern wieeer nahe zu bringen suchten. Diese Leute sind nicht selten die Verbündeten der sg. Orthodoxen, denen es sehr gleichgültig ist, von wannen ihnen Hälfe kommt, wenn sie nur kommt. Allerdings zeigen sich die letzteren hierin nicht sehr scharfsichtig, denn dieser ihr Freund ist zugleich ihr ärgster Feind. Loher sind denn die Orthodoxen zur Minderzahl geworden? Las ist es, was ihnen in ihren eigenen Kindern so vielen und wachsenden Abbruch thut? Nichts anderes als die unter der Aegide der Orthodoxie entstandene und ausgewachsene religiöse Gleichgültigkeit und die durch die Orthodoxie besonders hervorgebrachte Gegnerschaft gegen alle positive Religion. Die Lehrer des geklärteren Judenthums mähen sich unaufhörlich ab, Jugend und Alter für das Judenthum zu begeistern, seinen erhabenen Inhalt ihnen in Geist und Herz zu versenken, seine Geschichte mit allen ihren bedeutenden Momenten ihnen nahe zu bringen — während die Orthodoxen viele Jahrzehende hindurch die Hände iu den Schoß legten, Schule und Synagoge vernachlässigten und in Verfall gerathen, die Dinge überhaupt gehen ließen, wie sie gehen wollten. In welche Mißachtung war bis zu der Zeit, wo wir im Verein mit anderen trefflichen Kräften auftraren, das Rabbinat verfallen! Damals lautete aus der Berliner Gemeinde auf eine Anfrage der Staatsregierung, was ein Rabbiner sei und zu thun habe? die Antwort: er habe die Schächtbänke zu beobachten und zwischen koscher und trefah zu unterscheiden. Die jüngeren Prediger und Rabbiner waren es, welche das Amt, sein Ansehen und seine Wirksamkeit wieder in Achtung brachten, und zwar nicht allein durch ihre Persönlichkeit und ihre wissenschaftliche Bildung, sondern dadurch, daß sie das Judeutbum selbst aus dein Staube erhoben, von diesem reinigten und als die lichtvolle Erscheinung hinstellten, als welche sie jetzt auftritt. Das haben freilich jetzt nicht blos die Orthodoxen vergesien, deren Stellung und Charakter es mit sich bringen, daß sie es vergessen, sondern auch die jungen Männer, die auf unseren Schultern stehen, und um sich wichtig zu machen, ihre Vorgänger zu verkleinern suchen. "Nun, die Geschichte wird schon ihr Urtheil fällen. Doch kommen wir zur Sache zurück. Dieser religiöse Jndifferentismus, der den neueren Orthodoxen augenblicklich so zu Hülfe kommt, ihre Zukunft um so mehr bedraht, hat aber noch eine andere Wirkung, welche jenen einen zeitweisen Erfolg sichert. Das ist die Feigheit, die daraus selbst in solchen Individuen entsteht, welche der Sache des Fortschritts ergeben sind. Sie fürchten sich vor dem Geschrei der Orthodoxen, sie fürchten, daß die Drohungen der Orthodoxen, die Gemeinde zu spalten, in Erfüllung gehen könnten, und aus dieser Furcht geben sie nach und nach und innner wieder nach, schrecken vor jedem Schritt, vor jeder Maßregel zurück, lassen lieber das Bedürfniß der ungeheuren Mehrheit unbefriedigt, ehe sie sich dein Unwillen und der Opposition einiger Weniger aussetzen. So geräth die gute Sache ins Stocken, das bereits Bewirkte wird wieder vernachlässigt, und zuletzt giebt man jeden Fortschritt, jede Lebensäußerung auf. Der Sand legt sich wieder über die Flur, die eben grünen wollte, und die mit Mühe gepflanzten Gewächse verdorren. Freilich ernten die sg. Orthodoxen aus diesen Zuständen auch keinen Ertrag. Sie haben damit nur Jenen den Weg eröffnet, die sich als sg. „Mittelpartei" geriren, d. h. die ans beiden Seiten hinken, bald nach Utechts wackeln, bald nach Links sich neigen, darum aber auf derselben Stelle bleiben und gar keine Gestalt besitzen. Die, von einem höheren Bewußtsein nicht getragenen, und jeden Kampf ängstlich scheuenden Gemeinden suchen unter den Jüngeren dieser mittelmäßigen Mirtelpartei ihre Rabbiner! und Lehrer, und so befördert die Feigheit der Individuen die Feigheit ihrer Lehrer und Meister. Sehen wir uns daher die Erfolge der neueren jüdischen sg. Orthodoxen an, so sind sie als Thatsachen genommen sehr gering. Ihr 2ö-jähriges unablässiges Beeisern hat doch nur in einer höchst geringen Zahl von Gemeinden eine wirkliche Absonderung kleiner Fractionen, die ihrer Fahne folgen, zu Stande gebracht, hat die Besetzung nur sehr weniger und zwar unbedeutender Stellen mit ihren Creaturen bewirkt, hat im Gegeurheil die Anstellung ihrer Gegner auf den bedeutendsten Lehrposten der jüdischen Welt nicht zu hintertreibeu vermocht. Bon einem anderen Gesichtspunkte aber haben sie keinen geringen Erfolg gehabt, nämlich im Verhindern, im Verhindern alles Guten, im Verhindern tüchtiger und großer Werke, segensreicher Institute und Einrichtungen. Man verstehe uns nicht falsch; wir meinen nicht, daß nicht was gut, bedeutend und segensreich ist, dennoch durchdringe und sich die Kraft erwerbe zu Bestand und allmaligem Lachsthum. Aber ihr Geschrei, Lästern und Verketzern behindert doch in nicht geringem Maße das Aufkommen, die Ausdehnung und die volle Wirksamkeit alles Guten, 27*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.