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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-28 · Heft 26 (28.6.1870) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 26 (28.6.1870)
Date
1870-06-28
Page
Seite 516 (sequence 8)
Language
German
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516 von der Judenherrschaft befreien, den christlichen Staat aus den Händen der Juden retten, die Kirche gegen die Angriffe der Juden schützen zu wollen. Dabei hat die klerikale Partei den großen Vortheil einer streng gegliederten Organisation, in welcher eine unbedingte Disciplin herrscht; die Hierarchie giebt wie von selbst die eifrigsten Organe ab, welche Alles, was vom Volke der Kirche anhängt, aufs Einheitlichste leiten. Wie weit ist hiervon die große Gegenpartei entfernt! Hier spielen nicht blos die verschiedenen Fractionen, die sich gegenseitig das Terrain streitig machen, ihre Rollen, sondern fast jeder Führer hat nur seine eigene Person im Auge, und will von Unter- und Einordnung wenig wissen, um sein Licht desto heller leuchten zu lassen. Dies Alles schwächt die Hoffnungen sehr ab. Aber man muß es sich klar machen, um von vornherein gefaßt und gerüstet zu sein. Zuletzt werden die Niederlagen zur besten Lehrmeisterin, aber je eher man lernt, desto eher wird man das Gelernte zu verwenden wiffen. Pest, 14. Juni. Wie dem Pester Lloyd aus Fünfkirchen telegraphisch gemeldet wird, ist daselbst die von den Grauen Schwestern im Delirium getaufte Eleonore Hoffmann am Samstag im Stillen auf dem katholischen Friedhof beerdigt worden. Die Fünfkirchener Zeitung erzählt den Hergang dieses „Seelenfanges" in nachfolgender Weise: „Im hiesigen allgemeinen Krankenhause war ein vor einigen Wochen aus Siklos hierher transportirtes Mädchen israelitischer Confession krank. Der Zustand der Kranken wurde immer bedenklicher. Sie äußerte zu wiederholtenmalen das Verlangen, man möge um ihre Glaubensgenossen schicken, da sie ihnen über Familien-Angelegenheiten Eröffnungen zu machen habe. Ob und wie weit diesem Verlangen willfahrt wurde oder nicht, konnten wir bei den sich widersprechenden Aussagen ihrer Umgebung nicht eruiren. Doch das ist gewiß, daß vier israelitische Weiber sich am 9. d. Abends ins Spital verfügten, durch eine der Grauen Schwestern aber von der Annäherung zur Kranken mit den Worten abgehalten wurden: „Es ist zu spät, die Kranke ist bereits getauft." Die Kunde von diesem hier unerhörten Falle veranlaßte uns zu einem Besuche im Spital, um theils von den Grauen Schwestern, theils vom Spitalsarzt über das Borgefallene Aufschluß zu erlangen. Auf unsere Frage nach der Patientin und nach ihrem Schicksale sagte Schwester Anna mit gefalteten Händen: „Die ist schon im Himmel" . . . und der Spitalarzt äußerte, daß die Getaufte schon seit mehr als 8 Tagen in bewußtlosem Zustande sich befand. Bor zwei Tagen hätte er eine Bewegung ihrer Lippen wahrgenommen. Er näherte sich und will das Wort „taufen" gehört haben. Diese Aeußerung des Mädchens schien ihm jedoch mit ihrem Vorleben, d. h. mit der an den Tag gelegten Zuneigung zu ihren Glaubensgenossen in solchem Widerspruche, daß er der anwesenden Schwester, die unverkennbare Maßnahmen zur Taufe traf, rieth, sie möge die Taufe verschieben. Kaum aber hatte sich derSpitalsarzt entfernt, erschien ein benachbarter Franciscanermönch, und unter dem Vorwände, daß er alle Verantwortlichkeit übernehme, vollzog er an der Sterbenden den Att der Taufe. Der Vorsteher des israelitischen Kranken- und Leichenvereins begab sich sogleich, nachdem er diese Nachricht erfuhr, zum Bürgermeister, welcher eine Untersuchung der ganzen Augelegenheit anberaumte, die auch Freitag im Spitale vorgenommen wurde." Pest, 16. Juni. (Privatmitth.) Die hiesige Gemeinde denkt daran, die durch den verstorbenen Meisel erledigte Oberrabbinerstelle wieder zu besetzen. Zu dem Ende wurde eine Wahlcommission ernannt, um geeignete Candidaten vorzuschlagen. Sie stellte die Herren Rabbiner Dr. A. Skie in Prag, vr.Baek in Lissa, und Dr. Kahserling in Endingen auf. Diese drei Herren wurden zu Probepredigten aufgefordert. Ohne einem der Herren irgend wie zu nahe treten zu wollen, können wir es als eine Thatsache hervorheben, daß die Predigt des vr. Kayserling außergewöhnlichen Erfolg hatte und einen Redner von eminenter oratorischer Begabung bekundete. In Folge dessen waren die Mitglieder des Vorstandes und der Wahlcommission einstimmig für die Wahl des vr. Kayserling. Ebenso stimmte in einer Generalversammlung der Gemeinderepräsentanz, zu der der Wichtigkeit des Gegenstandes wegen noch 100 Gemeindemitglieder hinzugezogen waren, am 12. d. die Majorität für vr. Kayserling. Nach einer langen Debatte beschloß man aber, nach einem Paragraphen der Congreß-Statuten die Bestätigung der Wahl mit Ja oder Nein der Gemeinde, d. h. sämmtlichen conttibuirenden Gemeindemitgliedern (hier über 3600 an Zahl» vorzulegen. Dies ist nun freilich eine Procedur, die für Mittel- und kleine Gemeinden an-

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