Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1870)
- Date
- 1870-06-28
- Page
- Seite 511 (sequence 3)
- Language
- German
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511 ung, Lüge, Verleumdung, Verketzerung, Jntrigue, Verfolgung, Hader u. s. w. nicht zurück, und legen allen diesen verwerflichen Mitteln die Maske der Religion, die Larve des religiösen Fanatismus vor. Aber gerade hierdurch erweisen sie ihre Irreligiosität, denn sie verletzen damit gerade alle jene Gesetze der jüdischen Religion, die ein unbezweifeltes, unangetastetes Gut aller seiner Bekenner sind. Die Religion begründet und befiehlt die lauterste Sittlichkeit; thut sie es nicht, so hört sie auf, Religion, so hört sie ganz besonders auf, Judenthum zu sein. Was hilft es, den Gang einer Stecknadel im Magen einer Gans gewiffenhaft zu verfolgen, wenn man dabei den Dolch der Verleumdung in das Herz des Nebenmenschen stößt? Was hilft es, gewissenhaft am Sabbath die Hand vom Feuer entfernt zu halten, wenn man dabei das Feuer schürt, welches einen Andersdenkenden in ekügie verbrennt, da man ihn lebendig nicht verbrennen kann? Unsere Alten nannten die Verletzung jener Gesetze „Uebertretungen" (rvTO?), sagten aber, wer seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt, ist des Antheils am ewigen Leben verlustig. Das klingt anders und darum sind jene neueren jüdischen Orthodoxen keine wahren und ausrichtigen. Die Thora sagt: „Geh' nicht als Verleumder unter deinem Volke umher"; wer also die Verleumdung und Schmähung als Handwerk betreibt, ist kein wahrer Bekenner der mosaischen Religion. Aber jene Ziele sind ja nur vorgeschützt, und diese Mittel erklären sich aus dem eigentlichen Zweck jener neueren Orthodoxen. Wir brauchen keine kritische Untersuchung anzustellen, um das eigentliche Wollen und Verlangen jener neueren jüdischen Orthodoxen auszufinden. Was sie wollen und verlangen, schreien sie seit 25 Jahren laut genug in die Welt hinaus. Sir rufen: Spaltung, Trennung, Scheidung innerhalb der jüdischen Gemeinden. Löst euch los, trennt euch von denen, welche nicht wollen, wie ihr wollt! Das ist ihr Feldgeschrei. Das ist ihr eigentlicher Zweck. Diejenigen, welche ihrer Fahne folgen, und wäre ihre Zahl noch so gering, sollen aus der jüdischen Gemeinde ihres Ortes austreten, eine eigene Gemeinde bilden, wo möglich mit den Anderen in keiner Gemeinschaft stehen, sich mit ihnen nicht verehelichen, mit ihnen weder Unterricht noch Gottesdienst gemeinsam haben, eine Mauer um sich ziehen, hinter welcher sie nicht einmal einen Einblick in das andere Lager haben. Warum sie dies wollen? So lange und wo sie die Herrschaft über die Majorität zu haben glaubten oder glauben, hüteten sie sich wohl, solches Verlangen zu stellen. Und im Gegentheil wollten sie den Anhängern einer anderen Richtung niemals gestatten, aus der Gemeinde zu treten, verhinderten sogar durch die Polizei, wo sie es vermochten, daß diese auf ihre Privatkoften sich einen eigenen Gottesdienst schufen. Als aber die Majorität oder auch die Herrschaft der Minorität über die Majorität ihnen entging , und wo dies der Fall ist, erhoben sie das Feldgeschrei und erheben es immer lauter und nachdrücklicher: scheidet aus der Gemeinde aus, oder, wo es möglich, werfet die Anderen hinaus! Immer von Neuem dringen sie darauf, Rabbiner, Prediger, Lehrer, die nicht zu ihnen schwören, bzusetzen, Männer, die von ihnen empfohlen sind, einzusetzen, und gelingt es ihnen nicht, wie es ihnen wirklich selten gelingt, so fordern sie ihre Anhänger auf, aus den Gemeinden auszutreten. Dabei ist es ihnen gleich, ob es ein Radicaler oder ein Gemäßigter, ob Jemand ihnen fern oder näher sieht, ja sie Haffen die sg. Mittelpartei noch viel mehr als die Extremen, weil sie der Menge zutrauen, daß sie sich jener Mittelpartei eher anschließt als den Extremen. Und warum ist diese Spaltung ihr eigentliches Ziel? Wiffen sie doch wohl, daß bei alledem ihr Häuflein nur ein geringes ist. Aber sie wollen die unbedingte Herrschaft für sich, die unbedingte persönliche Herrschaft über ihre Gläubigen, über deren Personen und Geldbeutel. Was nützt ihnen eine große Zahl, die schwankend ist und der sie Concessionen machen müffen, die zwar der Religionen anhängt, aber nicht nach der Manier jener neueren jüdischen Orthodoxen? Der alte Satz: „Lieber der Erste in einem Dorfe als der Zweite in Rom," ist für sie eine Wahrheit. Denn die Herrschaft eines „Zweiten" ist mangelhaft und fällt beim ersten Anstoß. Sie wollen daher Gemeinden für sich, die ihnen und ihren Günstlingen mit Leib und Leben angehören, und konnten diese Gemeindchen auch kaum ein Minjan zusammenbringen. Niemand wird an der Richtigkeit dieser Auseinandersetzungen zweifeln können, da jene Männer täglich sich in dieser Weise Lust machen, da alle ihre Schritte dies bezwecken, alle ihre Umtriebe und Jntriguen — und wir werden einige neueste derartige Stückchen bald ans Licht zu bringen haben — führen zu diesem Ziele. Also hinweg mit all' Euren vorgeschützten und erheuchelten Zielen! Nicht die Erhaltung des Judenthums ist Euer Ziel, denn Ihr leget ja ohne Scheu Eure Hand an dessen Bestand! Nicht die Geltung der Thorah und des Schulchan Aruch ist Euer Ziel, denn ihr verletzet 26*