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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-28 · Heft 26 (28.6.1870) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 26 (28.6.1870)
Date
1870-06-28
Page
Seite 510 (sequence 2)
Language
German
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510 immer wiederholte Täuschung Anderer auch zur Selbsttäuschung werden und so einigen Schein der Wahrheit erlangen kann. Unsere Zeit ist wohl zu Begeisterung, zu Liebe und Eifer für eine hohe Idee, für einen großen Zweck angelegt, nicht aber für Fanatismus, für religiösen Fanatismus. Die Civilisation breitet vor den Menschen ein weites, nach allen Richtungen hin offenes Gebiet aus, das sie mit breiten Straßen durchschneidet und durch die mannigfaltigsten Pfade eröffnet und ebnet. Sie wirkt von Kindheit an auf den Geist dahin, daß er am Ganzen wie am Einzelnen lebhaften Antheil, von Nielem Kenntniß, für Mancherlei Jntereffe nimmt, und wenn er nun auch im Weiterschreiten seine Thätigkeit auf diesen und jenen Kreis beschrankt, so hängen doch alle Theile dieses großen Gebietes so miteinander zusammen, daß er, bei aller Aufmerksamkeit für seinen eigenen Weg, doch von allen Seiten her beeinflußt wird. Politik, Industrie, Wiffenschaft, Kunst, Gesellschaftlichkeit und alle Bewegungen in diesen berühren ihn und wirken auf ihn ein. Da kann es zu einem wirklichen Fanatismus in keiner Sache kommen. Denn dieser ist eine solche Concentration aller Geistesthätigkeit auf einen einzigen Gedanken, auf ein einziges Gefühl, ein solches Aufflammen aller Geisteskraft in ein einziges zum Himmel ausschlagendes Feuer, ein solches Borwärtseilen auf einem engen, durch Fels und Schlucht sich drängenden Pfad, daß Nichts daneben besteht, Nichts gesehen und gehört, Nichts gedacht und empfunden werden kann. Dader gab es Zeiten, wo ein solcher Fanatismus, namentlich religiöser, so viele Verheerungen er auch um sich verbreitete, doch eine Berechtigung und ein bedeutendes Resultat hatte, ein Sturm, der zwar viele Bäume entwurzelte, aber doch die Luft reinigte, ein Pfadbrecher über das Gebirge, ein Wegsinder durch die Wüste. Wohl der Zeit, wo dieser Sturm vorüber war, und die Gesittung und die Erkenntniß ihre Arbeit wieder beginnen konnten, zuerst aber die Trümmer hinwegschafften, welche der Fanatismus hinVb sich gelaffen. Aber das erkennen wir doch hieraus klar, daß unsere Zeit keinen religiösen Fanatismus zu gebaren angethan ist, so daß, wo fanatisches Gebühren auftritt, dies erheuchelt ist, und nur aus persönlichen, eigennützigen Motiven entspringt. Dies zeigt sich denn auch überdeutlich an dem Fanatismus der neueren jüdischen Orthodoxen. Was will aber dieser Fanatismus der neueren jüdischen Orthodoxen? Sie sagen: die Erhaltung des Judeuthums. Nun, wenn dies ihr wirklicher Zweck ist, so unterscheiden sie sich von keiner Partei im Judenthume. Denn sehen wir von jener kleinen Anzahl von Juden ab, welche sich zu den Feinden aller positiven Religion gesellt haben, so haben in Wirksamkeit alle anderen mehr oder weniger freisinnigen Parteien auch keinen anderen Zweck. Die Verschiedenheit finge bei den Wegen an, die zu diesem Ziele führen sollen. Jene sagen: das Judenthum wird erhalten nur durch die unbedingte Beobachtung aller Satzungen des Schulchan Aruch, und durch die Festhaltung des Grundsatzes, jeder Minhag ist der Thora gleichzuschätzen. Diese sagen: Nein! viele Satzungen des Schulchan Aruch erfordern eine Umgestaltung, denn sowohl die Bedingungen des Culturlebens, in welches die Juden unserer Zeit ebenso durch die Umstände, wie durch das eigene bewußte Verlangen eingetreten sind, als auch die höhere geistige und religiöse Entwickelung lasten die Beobachtung vieler Satzungen nicht mehr zu, und machen sie der Fortexistenz des Judenthums gefährlich; die Geschichte, wie viele derselben entstanden sind, erweist, daß sie aus veränderten Zeitumständen entsprangen, also veränderten Zeitumständen unterworfen sind, und wie mit dem Falle des Tempels der Opfercultus und was mit ihm zusammenhängt, mit der Entfernung aus dem heiligen Lande die Agrargesetze, mit der Entziehung der Justiz das Criminal- und Civilrecht außer Uebung und Geltung kamen, so ergeht es auch vielen einzelnen Bestimmungen des Ritualgesetzes, die mit dem wirklichen Leben in der Gegenwart unvereinbar und bei einer veränderten Geistesentwickelung inhaltslos geworden sind. Der aufrichtige Anhänger jener wie dieser Partei wird zwar auf seiner Ansicht beharren, aber dem Gegner eine gewiste Berechtigung nicht absprechen. Jeder, der jenem vorgegebenen Ziele, der Erhaltung des Judenthums, wahrhaft ergeben ist, wird seiner Ansicht nach Vorgehen, wird für sie streben und arbeiten, aber auch willig in dem Anderen anerkennen, was er für das gemeinsame Ziel thut und schafft. Hier ist es aber nun, wo uns das Verfahren und die Handlungsweise der neueren jüdischen Orthodoxen auffällt und jedem Beobachter verdächtig wird. Man braucht nur die Mittel zu gewahren, die sie in Bewegung setzen. Daß der Zweck die Mittel heiligt, ist nicht allein ein unwahrer, sondern auch ein unkluger Grundsatz. Denn auch der beste Zweck wird durch schlechte Mittel compromittirt, der heiligste durch Bosheit und Schlechtigkeit gebrandmarkt. Sei 25 Jahren scheuen diese neueren jüdischen Orthodoxen vor Schmäh-

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