Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 506 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Mit ihren Angrifferl auf ven Götzendienst, mit ihren unbeugsamen Mahnungen für die Einzigkeit Gottes und selbst mit den Weissagungen gegen die Völker und den messianischen Hoffnungen stehen sie auf dem Boden der Propheten, und für die Benutzung historischer Facten in Form von Weissagungen hatten sie den letzten Theil des Buches Daniel für sich. Die lange Geschichte der Feindseligkeiten gegen ihr Volk seit den Affyrern berechtigte sie, die unaufhörlichen Kampfe, Niederlagen und Verwüstungen, welche über alle Theile der damals bekannten Welt immer wieder hereinbrachen, als Strafgericht Gottes zu verkünden, die zuletzt zu einem Gerichte aller Völker, zur Läuterung und zur Bereinigung in der Anbetung des einzigen Gottes, zum Gottesreiche führen würden. In der sibyüinifchen Form fanden also jüdische Dichter viel mehr als im Drama und Epos den heimischen, von den Vorvordern betretenen Weg, auf welchen sich zu begeben, die Welt von ihren Jrrthümern zu überzeugen, die Schrecken der Strafgerichte hierzu zu benutzen, die reine Gotteserkenntniß und Sittlichkeitslehre zu verbreiten, den jüdischen Glauben zu verherrlichen, ohne diesen geradezu als solchen zu benennen und dadurch zugleich das Geschick ihres Lölkes möglicher Weise zu lindern, das waren treibende Gründe genug, um uns diese Erscheinung zu erklären. Es war natürlich, daß sie zu diesem Zu ecke vorhandene Sibyllenspruche heidnischen Ursprungs aufnahmen, sie dieses Charakters möglichst entkleideten und sich überhaupt hier und da des gewohnten, allgemein verständlichen Ausdrucks, auch wenn er mythologischer Färbung war, bedienten. Diesen jüdischen Autoren folgten später christliche, welche in gleicher Weise die Momente ihrer Religion in die heidnische Welt bringen wollten. Wir geben hier als Beispiel die drei Bruchstücke des einleitenden Gesanges. Die Uebersetzung des Professor Friedlieb scheint uns metrisch gänzlich mißglückt, seine Hexameter verdienen selten diesen Namen. Dabei ist sie nicht immer getreu. Wir geben daher unsere eigene neue Uebersetzung, begleiten diese mit einigen Anmerkungen und fügen ein Schlußwort hinzu. Einleitender Gesang. Erstes Bruchstück. Sterbliche Menschen aus Fleisch'), ihr, nichtig im Sein, wie so eiligst Ueberhebet ihr euch, auf das Ende des Lebens nicht blickend? Zittert ihr nicht? und fürchtet nicht Gott, deß Aug' auf euch schauet,-) Ihn, den höchsten Ergründer, allsehend und Zeuges _ von Allem, ’) „Fleisch" o«Q? -|~j2 schon biblisch für Menschen, Sterbliche, i Mos. 6,3, 12 u. oft 4 Mos. 16, 22. Ps. 56,5. 145,21. 2) knloxonog Aussetzer, auch Aufpasser, schon bei Homer, Jl. 24, 729. 10, 38. Irrig Friedlieb: „höchster Herrscher." 3) Es ist zu beachten, das hier uuozio« als Accuiativ von 5. Allernährender Schöpfer, der Allen den leiblichen Geist hat Mächtig eingesenkt/) und zum Führer der Sterblichen machte? Ein Gott ist, der allein, unendlich und niemals geworden, Er, allmächtig, unsichtbar und selbst doch Alles erblickend, 5) Nimmer wird er geschaut von einem sterblichen Wesen; 10. Denn welch' Wesen von Fleisch vermöchte °) mit Augen den wahren, Himmlischen, ewigen Gott zu feh'n, der den Weltkreis bewohnet? Nicht den Strahlen zumal der leuchtenden Sonne gen über Können die Menschen besteh'n, die sterblich geborenen Männer, Die im Knochengerüst aus Adern und Muskeln gewoben.') 15. Ihn ehrsürchtet allein, den Einzigen, Führer des Weltalls, Der in Ewigkeit ist und allein von Ewigkeit her war. Aus sich selbsten und niemals geworden, der Alles beherrschet, Einwohnt den Sterblichen all' als Gerichtim gemeinsamen Lichte. Wahrlich! der Bosheit Lohn, ihr werdet gebührend ihn haben, 20. Weil ihr den wahrhaften Gott, den ew'gen, zu ehren verschmähtet. Statt ihm, ihm nur allein, die heiligen Opfer zu schlachten"). Sie den Dämonen gebracht, die den finsteren Hades bewohnen pdoTvo durchaus nicht im christlichen Sinne „Blutzeuge" gebraucht ist, sondern in der älteren Bedeutung von „Zeuge" überhaupt, hier sogar von Gott, wie öfter in der h. Lchrift, 1 Mos. 31, 50. I Sam. 12, 5. Mich. 1, 2. 4) -NL2 bsb var * * * 4 * * 7 8 * 10 Mos. 16, 22. 27,16. Bgl. Job 32, 8. 2) Leracll. 10, 1.: narr: n:"ar> rraa-n nbprr. °) 2 Mos. 33, 20. 7) Vgl. Jechesk. 37, 6. 8i Vgl. Spr. Sal. 20, 27. Was hier xouyoiov bedeuten sollte, erweist klar das Folgende. Irrig daher Friedlieb: „Der in den Sterblichen wohnt, das Zeichen gemeinsamen Lichtes." 9) Daß hier Opfer als officielle Anbetung aufgeführt sind, erweist, daß der Verfasier ein Jude, da das Christenthum von Opfern nichts wißen wollte 10) Da hier alle Menschen angereder werden, und das Opfern für die „Dämonen im Hades" den „heiligen Opfern" für Gott entgegengestellt wird, so müssen hier unter diesen „Dämonen im Hades" alle heidnischen Götter verstanden werden, denen also nicht alles Dasein abgesprochen ist, sondern die als die bösen Geister der Unterwelt, welchen sich die Menschen ergeben haben, betrachtet werden. Da der jüdische Volksglaube schon in alter Zeit solche Geister kannte, und das mosaische Gesetzt bereits das Darbringen von Opfern für sie, die D^-yiö, verbot, 3 Mos. 17, 7., später mit D”*n23 die Einöden und die