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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-21 · Heft 25 (21.6.1870) · p. Seite 505

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 25 (21.6.1870)
Date
1870-06-21
Page
Seite 505 (sequence 21)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-LeUage zu Ar. 25. Leipzig, den 21. Juni 1870. Die jüdisch-griechischen Dichter. < Fortsetzung.*» 4. Die Sibyllen. Ins hohe Alterthnm reicht die Sage von weissagenden Frauen, welche Sibyllen genannt wurden. Man ließ dergleichen an den verschiedensten Orten und in den verschiedensten Zeiten aufgetreten sein, so daß man zuletzt zehn solcher Sibyllen zählte. Darunter war auch eine hebräische Sibylle, dieselbe, die man auch die erythräische nannte und mit der aus Cumä verwechselte. Diese sagenhafte Gestalt nahmen nun spätere heidnische, jüdische und christliche Poeten als Maske an, um ihre Lehren und Mahnungen, in griechische Hexameter gekleidet, mit dem Nimbus geheiligten Alterthums umgeben, in die Welt zu bringen. Daß eine solche — dem Namen, aber nicht der Sprache nach — hebräische, vorchristliche Sibylle, d. h. von einem Juden herrührende Orakelsprüche in griechischen Hexametern, vorhanden gewesen, bezeugt uns auch Josephus (Alterthümer, I. 4, 3.), und da auch Alexander Polyhistor sie citirte, haben wir dergleichen schon aus dem 2. Jahrhundert vor d. gew. Zeitrechnung anzunehmen. Die Sammlung sibyllinischer Orakel, die wir noch besitzen, ist eine spätere Zusammentragung solcher Reden, und zwar von Bruchstücken heidnischen 7 jüdischen und christlichen Ursprungs, jedoch so, daß die heidnischen Fragmente von dem jüdischen oder christlichen Autor in sein eigenes Machwerk hineingearbeitet sind. Sie mußte daher die Kritik herausfordern, zu bestimmen, welchen Ursprungs und aus welcher Zeit jedes einzelne Stück sei. Die Kriterien für die Unterscheidung zwischen dem jüdischen nnd christlichen Autor eines Stückes ergeben sich nicht allzu schwer. Bon der einen Seite die Angriffe auf das heidnische Götzenthum und Bilderdienst und die Abwesenheit jedes christologischen Begriffes und Ausdruckes, von der anderen Seite die Aufforderung zum strengen Monotheismus, *1 S.;Jit. 4, 5, 6, 8, 9. Wir haben die Uebersetzung des auzen Pseudo-Phokplides versprochen, und werden tuesem pater Nachkommen. mit welchem allein die wahre Sittlichkeit verbunden gedacht wird, sich zu bekehren, die Aussprache der Hoffnungen auf den kommenden Messias und selbst die Hinweisung auf den Opferdienst im Tempel zu Jerusalem nebst vielfachem Verweilen bei der Geschichte der Juden und der Feindseligkeit gegen die Zerstörer der h. Stadt, geben unwiderlegbaren Beweis für die jüdische Abfaffung. Dahingegen muß jede christologische Aussage, jeder der christlichen Dogmatik ungehörige Ausdruck und feindselige Auslastungen gegen die Juden auf den christlichen Ursprung Hinweisen. Hiernach sind denn auch die Kritiker vorgegangen und zu ziemlich sicheren Resultaten gekommen. Das Bedeutendste leistete der jüngste Herausgeber Prof. Dr. I. H. Friedlieb.*) Wir können seinen Schlüssen im Ganzen beistimmen, ohne anzunehmen, daß die Kritik ihre Arbeit vollendet habe. Die Hauptsache ist, daß man bis jetzt sich noch zu sehr von der üblichen Eintheilung in 12 Bücher bestimmen ließ, während doch die meisten derselben in viele einzelne Stücke zerfallen, die oft sehr verschiedener Natur sind. Man muß hier erst trennen lernen, um dann erst wieder zu verbinden. Nach Friedlieb rühren von jüdischen Autoren her die 3 Fragmente des einleitenden Gesanges, das 3. Buck, das 4., das 5., das 9. und das 12. Die Verse des 3. Buches bis B. 96 sind vor der Schlacht bei Actium (31 vor d. gew. Zeitr.) geschrieben, der übrige Theil um 160 vor der gew. Zeitr.; das 4. Buch dagegen 80 nach der gew. Zeitr., das 5. um 120, das 9. 115 und das 12. im 3. Jahrhundert nach der gew. Zeitr. Durchaus keine Zweifel sind gegen den jüdischen Ursprung der einleitenden Bruchstücke und des 3. Buches möglich. Sämmtliche, jüdischen Schriftstellern zugeschriebenen Stücke, weifen durch unverkennbare Anspielungen auf ägyptische Juden hin, so daß wir hier überall dieselbe literarhistorische Richtung haben, die in Aegypten unter den Ptolemäern entstanden und daselbst fortentwickelt worden. Die Motive, aus welchen sich jüdische Geister dieser sibyllinischen Form bemächtigten, sind unschwer zu finden. *) „Die Sibyllinischen Weissagungen, vollständig gesammelt, nach neuer Handschriften-Bergleichung, mit kritischem Eommentare und metrischer deutscher Uebersetzuug. HerauSgegeben von vr. I. H. Friedlieb, Professor an der Universität zu BreSlau. Leipzig, Weigel, 1852."

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