Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 496 (sequence 12)
- Language
- German
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496 nicht, daß sie sich der Kundgebung widersetzen würde; die Pflicht der Communalverwaltung in ähnlichem Fall ist, eine vollständige Neutralität zu bewahren; diese Pflicht wird sie ersüllen. Aber die Brüsieler Bevölkerung hat auch ihre Pflicht zu ersüllen, und wir sind überzeugt, sie wird es nicht verfehlen. Die Ehre der Hauptstadt bedingt es, daß die össentliche Mißbilligung die beabsichtigte Kundgebung scheitern läßt. Folgender Ausrus, zu dem mehrere Notabilitäten der Stadt den ersten Schritt thaten, und der sich mit einer großen Zahl Unterschriften bedeckt, räth ihr die Enthaltung. „Mitbürger! „Ein katholisches Comite ladet euch ein, im nächsten Monat Juli das Jubiläum des „hochheiligen Wunderfacraments" (tres-saint saerement de miraclej festlich zu begehen. „Was zu feiern man euch aufsordert: „Ist der Jahrestag einer Glaubensverfolgung; „Ist die Niedermetzelung einiger Juden, die man eines eingebildeten Verbrechens angeklagt hatte; „Ist die Einziehung ihrer Güter; „Ist die Maffenvertreibung ihrer Glaubensgenossen, die für Thaten, die ihnen ftemd waren, bestraft wurden! „Was zu feiern man euch aussordert, euch und eure Kinder, die ihr in der Toleranz und Menschenliebe erzieht: „Ist eine Herrschaft der Knechtung und Gewaltthat! „Obwohl die Absichten des katholischen Comites die Grenzen eines religiösen Actes überschreiten, muß ihnen volle Freiheit zu dieser Kundgebung gelassen werden. „Die öffentliche Meinung hat allein darüber zu urtheilen! „Aber ihr, die ihr unter der Herrschaft der Gewissensfteiheit lebt, in einem Lande, das sich allen Glauben und allen Meinungen öffnet, werdet ihr Theil nehmen wollen an der schweren Verantwortlichkeit, die aus den Unternehmern des Werkes liegt? „Die aufgeklärten Geister aller Ansichten werden ihren Theil an der Verherrlichung, die man von ihnen verlangt, verweigern; die Katholiken werden nicht vergessen, daß auch sie ihre Märtyrer gehabt haben. „Ihr alle werdet den Schauder theilen, den die lange Blutspur, welche die Verfolger aller Zeiten und aller Parteien in der Geschichte zurückließen, einflößt. „Mitbürger! „Die allgemeine Enthaltung sei der Ausdruck des öffentlichen Gewissens!" Es wird nicht nöthig sein, länger dabei zu verharren um die Bewohner Brüssels zu bestimmen, jede Unterstützung einer derartigen Kundgebung zu verweigern. Sie sind zu tolerant, sie nicht zu dulden, zu fteisinnig, um sie nicht in aller Freiheit vor sich gehen zu lassen, aber durch ihre Enthaltung werden sie Zeugniß von dem Abscheu ablegen, den ihnen die Thaten, deren Gedächtniß der Klerus so sorgsam wahrt, einflößen. Was die Klerikalen anbetrifft, so find sie sehr heruntergekommen, und die Kundgebung, welche sie in Scene setzen, ist ein schlagender Beweis für ihre Erniedrigung. Wie! weiter nichts als eine Procession, um das Abschlachten der Juden zu verherrlichen! Wir erwarteten besseres von der Phantasie der Klerikalen', von ihrer Beharrlichkeit in ihren Ansichten. Eine armselige Procession, das ist erbärmlich! Wohlan, ihr Herren Kleriker, ein wenig Muth und Logik, und da ihr im Jahre 1370 das Abschlachten einiger Juden, die Vertreibung der anderen und die Einziehung aller Güter der Söhne Israels gesetzlich fandet, warum nicht im Jahre 1870 die Erneuerung dieser früheren Annehmlichkeiten Vorschlägen? Hat, was damals gesetzlich war, aufgehört es heute zu sein? Nein denn ihr bereitet ja eine Procession vor. Aber eine Procession genügt nicht, seid ernst, schlagt also das Abschlachten, die Vertreibung, die Einziehung vor; habt wenigstens den Muth offen zu verkünden, woran ihr zu eurem Bedauern durch eine gottlose Gesetzgebung verhindert seid." Soweit die „Indgpeudance Beige.“ Wir fügen noch einen Artikel aus „Bes nonveiles“ vom 10. Juni hinzu: „Ihre Leser werden ohne Zweifel gern erfahren, was die israelitische Gemeinde von den Festen denkt, die der Klerus zu Ehren der abscheulichen Niedermetzelung ihrer unschuldigen Ahnen vorbereitet. Ich will ihnen also erzählen, wie am letzten Sonntag, zum Pfingstfest—welches für die Israeliten der Gedachtnißtag der Verkündigung der zehn Gebote ist — Herr Astruc, Großrabbiner von Belgien, auf die Kanzel stieg, und, in einer herrlichen Improvisation und mit großer Beredrsamkeit, das erhabene Gesetz Moses, welches sich auf die Geistigkeit Gottes, die Nächstenliebe, die Gerechtigkeit und Milde gründet, mit der Lehre derer verglich, die einen materiellen und persönlichen Gott und den Bilderdienst geschaffen haben, die eine Erbsünde annehmen und sich auf Wunder stutzen, die sich der Flammen des Scheiterhaufens in dieser Welt bedienen und noch zu den ewigen Flammen in der anderen verdammen. Er hat diesen schrecklichen Glaubensforderungen volle Gerechtigkeit zukommen lassen und laut