Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 494 (sequence 10)
- Language
- German
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494 ein, drang in manche der ersteren, und zertrümmerte alle Möbel, schlug und verwundete viele wehrlose Personen, die jetzt krank an ihren Wunden darnieder liegen, ja! Greise, Frauen und Kinder wurden nicht einmal von dieser blutdürstigen Rotte geschont. So hausten sie bis Mitternacht fort, ohne von der Polizei gehindert zu werden. Erst nach 12 Uhr zeigten sich einige Commissare, als wären sie bis dahin in eine tiefe Lethargie versunken gewesen und hätten nichts von dem Allen wissen können, schüttelten ironisch über das Borgefallene ihr Haupt ohne die Thäter, die sich noch im Ringplatze zum größten Aerger Musik spielen ließen, zu arretiren. Der Leidenskelch war aber noch nicht ganz geleert, die Trauerscene sollte wieder fortgesetzt werden. Wirklich erneuerte das Gesindel am folgenden Tag seine Ruchlosigkeit, berauschte noch viele vom Proletariats, nahm sie in seine Sippschaft auf/ und so ging es am Hellen Tage von Neuem los. Häuser, die Tages zuvor noch unbeschädigt geblieben, wurden jetzt das Ziel^seiner Wuth, selbst das prächtige isr. Schulgebäude wurde nicht von seiner Zerstörungssucht verschont, und auch starke Verletzungen waren wieder an der Tagesordnung. Angst und Entsetzen ergriff einen Jeden, da man sich mit Leben und Eigenthum der größten Gefahr so Preis gegeben sah. Denn während man die Israeliten in ihrer Vertheidigung durch polizeilichen Befehl lähmte, ließ man dem verbrecherischen Wüthen fteies Spiel. Hier waren es nun keine Eisenbahnarbeiter, die den Krawall provocirt haben sollten, wie man es beider Tekutscher Affaire weismachen wollte, oder sollte man noch, nach allem Erlittenen , die Israeliten gar beschuldigen wollen, und zu diesem Behufs unschuldige derselben arretiren?! — Der edle Präfect Herr Bosdegan und der humane Primär Herr Frank trafen zwar am 29. gegen Abend doch einige Sicherheitsmaßregeln, ersterer konnte aber, aus Mangel an Militärmacht, die er sich erst telegraphisch verschaffen mußte, solche nicht mit Strenge handhaben. Aber wann wird diesen Gewaltthaten einmal ein Ende gemacht, und der europäischen Entrüstung über eine solche Barbarei Rechnung getragen werden? Oder fft es den Bojaren, welchen doch dieses Treiben ein Greuel ist, noch zu wenig, daß man auf sie im vorigen Jahre in verschiedenen Curvrten in Europa, wo sie sich sehen ließen, wie auf einen Hottentotten oder wie auf einen afrikanischen Buschmann verächtlich hinzeigte? Leider aber vergeht keine Woche, wo nicht, immer aus einem andern Orte in Rumänien, ein neuer Nothschrei erschallte über Gewaltthat, Raub und Ruinirung, die man verbrecherischer Weise an Israeliten mit den Losungsworten: vidan! afare din tara nostra (Juden heraus aus unserem Lande!) verübte. Wir wissen, wie gefährlich es für diese Maulhelden wäre, wenn wir dieses zusammengewürfelte Volk statistisch untersuchen wollten, denn bald würde man Tausende von Deutschen, Russen, Griechen, Polen, Ungarn, Serben, Bosniern, Bulgaren, Lipowenern und Zigeunern rc. entdecken, und das übrige Minimum der Rumänen ist keineswegs berechtigt, jene großsprecherischen Losungsworte im Munde zu führen. Aber was ist von diesem sich selbst überschätzenden Volke zu hoffen, das fein Schamgefühl vor dem ganzen civilisirten Europa abgelegt hat? welches Heil kann von der rumänischen Jugend erwartet werden, wenn Professoren, die viel geeigneter sind, die Sklaven-Ruderbank als den Katheder einzunehmen, unermüdlich besiissen sind, dieser Jugend nur giftigen Judenhaß einzuimpfen, und in deren Herzen den Keim von Bosheit und Ausartung zu legen?*) Und einem solchen Volke wurde von den contrahirenden Mächten eine Verfaffung verliehen , deren sich nur eine civilisirte Nation erfreuen dürfte?! — Man machte den Israeliten Rumäniens den Vorwurf, daß sie sich nicht romanisiren wollen, indem sie es vorziehen, unter ftemden Schutzmächten zu verbleiben, aber wie könnten und sollten sie es auch anders machen, wenn sie sehen, daß es den Rajas mosaischen Glaubens nicht nur nicht besser ergehet, sondern ihnen zuweilen noch härter zugesetzt wird? Aber in der That sieht man, wie alle hier wohnenden Israeliten bemüht sind, ihren Kindern die rumänische Sprache und alle obligaten Lehrgegenstände beizubringen, wie sie keine Mühe und keine Opfer scheuen, um auf eigene Kosten, die sich jährlich auf Tausende von Le! (Francs) belaufen, öffentliche Schulen zu unterhalten, aus welchen Schüler hervorgehen, welche diejenigen aus den christlichen Staatsschulen an Geist und Wissen übertreffen. — Möge der Jammerschrei von so vielen Tausenden *) Von vielen Beispielen nur Eins: Bei der unlängst abgehaltenen öffentlichen Prüfung der Normalschule in Verlad stellte der Hauptoberlehrer Namens Cenciu einem Schüler folgende Frage: Schreibe 100 Juden auf, 15 wurden erschossen, 20 erschlagen, 18 erhängt, wieviel blieben noch?! — Ehre dem Ehre gebührt! Cvrresp.