Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 493 (sequence 9)
- Language
- German
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493 Zuerst leugnete sie die Thaisachen rund ab. und beschuldigte sogar die diplomatischen Agenten der Unwahrheit und Hetzerei. Als sie dies nicht langer vermochte, kam sie mit Versprechungen; und als sie dieselben doch nicht hielt, wendet sie seitdem den Kunstgriff an, jede Klage für übertrieben zu erklären, die Facten auf ein Minimum abzuschwächen, und zu verstehen zu geben, daß alle diese Anschuldigungen aus politischen Motiven hervorgingen. Dieser letztere Kunstgriff gelingt ihr am besten. Unter den europäischen Redactionen giebt es deren genug, welchen das Schicksal verfolgter Juden sehr gleichgültig. einige, denen es sogar eine geheime Schadenfreude ist. Diese greifen begierig nach den Bukarester Telegrammen und Regierungserklärungen, welche die Vorgänge als unbedeutend, wo möglich unschuldiger Art, als einen Scher; der „studirenden" Jugend (!!!) darstellen, und verbreiten diese Nachrichten, indem sie die vorangegangenen Schilderungen als übertrieben bezeichnen. Dadurch soll die öffentliche Meinung in Europa getäuscht und ihre Sympathie für die Unglücklichen herabgestimmt werden. Man läßt sich ja so gern einreden, daß das Uebel nicht so groß sei, daß die Betroffenen allzu sehr schreien, und daß man damit sogar einen politischen Zweck verfolgt, es sei also eine Parteiübertreibung. Wie lange dieses grausame, teuflische Spiel noch dauern werde, kann man nicht wissen. An Rumänien selbst wird es sich durch eine immer wachsende Zersetzung und durch eine steigende Verarmung rächen. Alle jene kleinen Künste werden nicht ausreichen. Je mehr die Autorität der Behörden sich selbst an den Pranger stellt, je mehr das Rechtsgefühl des Volkes untergraben wird, je öfter Emeuten, Plünderung und Gewaltthätigkeiten ungestraft auf den Straßen der rumänischen Städte und Ortschaften erscheinen: desto größer werden die Wirrsale, desto unhaltbarer die Regierung, desto unwiderstehlicher die Pobelherrschast und die Parteiwuth, desto mehr werden die inneren Hülfsmittel versiegen, und die Hülfsmittel von außen sich diesem Lande entziehen. Dies ist Alles naturgemäß, naturnothwendig. Was nun die europäischen Juden selbst betrifft, so glauben sie, wenn sie ihrem Unwillen durch Beschwerden Luft gemacht, und Petitionen und Klageschriften an ein Ministerium des Auswärtigen gerichtet haben, genug gethan zu haben. Nur ein einziges Bankhaus, Hahn in Frankfurt am Main, besaß die Energie, als ihm ein rumänisches Anleihegeschäft angetragen wurde, es mit der Erklärung zurückzuweisen, daß es mit einem Staate, in welchem die Juden so verfolgt werden, nichts zu thun haben wolle. Hierin liegt Gewisienhaftigkeit und wirkliche Thatkraft. Bloße Worte, wenn sie erfolglos sind, sind auch überflüssig. Das Obige hatten wir niedergeschrieben, als uns folgender Brief zukam, den wir wörtlich mittheilen. Bottuschan, 1. Juni. ,nvx aprbo iVip:va? •'■p tr*pm apy b^p b^pr: (Talm. Jerus. Tract.TanitAb. 4)! -nry •’-p ib tsso rrra Noch ist das Wehklagen unserer Glaubensbrüder über die erlittenen Gewaltthaten in Tekutsch nicht gestellt, und wieder ist schon ein barbarischer Act ausgesührt worden. Rumänien hat wiederum die Zahl seiner Ortschaften, wo seine edlen Söhne, der Civilisation und der Menschheit zum Hohne, Gräuelthaten in Scene setzten, jetzt mit dem, an der großen mercantilischen Stadt Bottuschan ausgeüblen Verbrechen bereichert — einer Stadt, die eine isr. Population von circa 20.000 Seelen zählt, und die bis jetzt durch die energische Haltung der früheren Sicherheitsbehörde von Krawall verschont geblieben war. Aber wie auch mein Herz von tiefem Schmerz über das bereits Geschehene und von wehmüthiger Bangigkeit über das uns noch Bevorstehende erschüttert ist, kann ich es doch nicht'unterlassen, folgende neue Heldenthat der Trajansabkömmlinge in Rumänien zu deren Schmach in Ihrem weit verbreiteten Blatte für die Oeffentlichkeit zu registriren. Schon seit einigen Wochen suchte die, große Hoffnungen verheißende rumänische Jugend, Schüler im hiesigen Lyceum, auf Beranlaffung und Aufhetzung niederträchtiger Wühler, die Israeliten auf öffentlichen Plätzen zu insultiren, und wurden immer in ihren Herausforderungen kecker und unverschämter. Als aber ihr schändliches Treiben aufs Unerträglichste gestiegen, von der executiven Macht aber demselben nicht gesteuert wurde, schickten sich einige Israeliten selbst zur Abwehr an, um im Falle eines neuen Angriffs sich möglichst zu verteidigen. Das aber haben Jene erwartet. Am 28. dieses, am Sabbath gegen Abend, rotteten sich viele Studenten zusammen, nahmen auch viele rohe Gassenjungen mit sich, und von ihren Anstiftern geleitet, zog das Gesindel mit Heulen und wüstem Lärmen durch alle Straßen, schlug alle Fensterscheiben der isr. Häuser und einiger Bethäuser 25