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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-21 · Heft 25 (21.6.1870) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 25 (21.6.1870)
Date
1870-06-21
Page
Seite 492 (sequence 8)
Language
German
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492 Dennoch müssen wir als einen kleinen Zug auch der Gegenwart bemerken, daß Professor Springer diesen ganzen Bericht nur anführt, um zu zeigen, „wie fremd Dahlmann alles Streben nach Popularität war." Scheint dies nicht, als ob auch Professor Springer Dahlmanns Ansichten theilt? Zu verwundern wäre es nicht von einem deutschen Professor; wir erinnern z. B. an v. M o h l. Glücklicherweise haben Gesellschaft, Politik und Industrie sich aus diesen erdrückenden Banden frei gemacht, und auch in der Wissenschaft hilft die freie Concurrenz gegen die Vereinseitigung durch das amtirende Profefsorenthum'. L n in a n i e n. Wie es kommt, daß bisweilen an einem gesunden Organismus sich irgend eine Eiterbeule bildet, die allen gelinden Medicamenten nicht weichen will und die daher — nach dem alten Spruche: quod medicamentum non sanat, ferrum sanat — hinweggeschnitten werden sollte, ohne daß man jedoch sich hierzu entschließen könnte: so ist es mit Rumänien der Fall. Alle Versuche, dieses halbbarbarische Volk zu einem Culturstaate zu machen, sind bis jetzt fehlgeschlagen, und seine Emancipation von der türkischen Herrschaft hat ihm ebenso wenig aufgeholfen, wie seine freisinnige Verfassung: seine eingeborenen Fürsten konnten das Staatsruder nicht bewältigen, und der hohenzollernsche Prinz vermag es ebenso wenig — abermals ein Beweis, daß für ein entsittlichtes Volk kein Heilmittel besteht. Hier könnte in der That nur ein „aufgeklärter Despotismus" nützen. So kommt es, daß Rumänien seit einigen Jahren durch die Verfolgung der Juden ein Schauspiel bietet, wie es seit drei Jahrhunderten aus der Geschichte verschwunden gewesen. Denn daß .irgendwo in einer beschränkten Oertlichkeit einmal auf eine kurze Zeit eine Mißhandlung von Juden seitens des Pöbels vorgekommen, will nichts bedeuten gegen die seit mehreren Jahren fortgesetzten und immer sich erneuernden Verfolgungen in Rumänien. Zu den, mit dauernder Schmach belasteten Namen in der Geschichte der Menschenverfolgungen und Menschenunterdrückungen wird fortan Johann Bratiano gezählt werden. Er war es, der diese Fackel entzündete und unter die, das rumänische Volk zerklüftenden Parteien schleuderte. Er gedachte hierdurch sich die Gunst des Volkes (!i zu erwerben, und, wenn es zu seiner persönlichen Machterhebung nöthig wäre, die rothe Republik einzuweihen. Sein Sturz war jedoch gerade hierdurch eine nothwendige Folge, denn einen solchen Heros kann unsere Zeit an der Spitze eines Staates selbst in Rumänien nicht ertragen. Aber die darauf folgenden Ministerien waren nicht stark, wohl auch nicht einsichtsvoll und sittlich genug, um mit Kraft und Nachdruck der von Bratiano hervorgebrachten Strömung entgegenzutreten; einige von ihnen, z. B. Cogalnitscheano, glaubten wohl auch durch Documentirung des Judenhasses die rothen Republikaner mit sich zu versöhnen. So pflanzte sich das Uebel weiter, und die Eiterbeule bricht bald hier, bald da auf. Während also mit Ausschluß des Kirchenstaates und Rußlands in ganz Europa von Gibraltar bis zum Nordcap die unbedingte Gleichberechtigung auch den israelitischen Staatsangehörigen geworden ist, selbst die Türkei und Griechenland jede Ausnahmestellung aufgehoben, versagt man in Rumänien den Juden nicht allein die bürgerlichen Rechte, sondern auch die Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, und sieht ruhig zu, wie bald in dieser, bald in jener Stadt eine Emeute ausbricht, welche die Juden ausplündert und mißhandelt; zur Abwechselung führen dann und wann die Regierungsorgane selbst, die Präfecten und Unterpräfecten, Razzias unter den Juden aus, vertreiben sie von Haus und Hof, schneiden ihnen jedes Erwerbsmittel ab u. s. w. Was ist nun hiergegen geschehen? Die sg. Schutzmächte, oder vielmehr von diesen Oesterreich, Frankreich und England — von Preußen und Rußland ist auch dies nicht geschehen — haben sich durch ihre diplomatischen Agenten wiederholt in energischen Noten bei der rumänischen Negierung ausgesprochen. Die europäischen, jüngst auch die amerikanischen Juden, besonders die Alliance israelite universelle, wandten sich mit Klage, Beschwerde und Bitte an ihre resp. Regierungen; Schreiber dieses wandte sich auch an den Vater des Fürsten Karl. Es hat bis jetzt nichts geholfen; die rumänische Regierung hat die Rechtsstellung der dortigen Juden gesetzlich nicht geregelt und für ihre Sicherheit nichts gethan, so daß erst in den jkkngsten Wochen wieder heftige Judenhetzen stattfanden. Als vor fünfzehn Jahren Aehnliches in der Mortarageschichte stattfand, nämlich daß alle diplomatische Verwendung nutzlos blieb, hatte der Papst wenigstens die Aufrichtigkeit, sein non possumus offen zu erklären. Die rumänische Regierung verfährt anders.

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