Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 490 (sequence 6)
- Language
- German
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490 ble ihm gemachte Oeffnung sich streng in dem Pfade halten, den Jener wünscht und vorgezeichnet hat? Er wäre sehr thöricht, denn die Waffermasie wird sich ihren Weg bahnen, wie und wo sie sich ihr darbietet, wird das sandige Ufer nicht verschonen und das weiche Erdreich hinwegspülen, wo es ihr entgegentritt. Die deutschen Profesioren dachten anders. Sie durchschnitten den Querriegel des Absolutismus und bildeten sich ein, daß das ganze volle Leben sich von ihnen genau den engbegrenzten Weg vorzeichnen lassen, uno die enggefteckten Pfahle, die sie, die Herren Theoretiker, vorher in den Boden gesenkt, achten werde. Das kam nun freilich anders. Die liberalen Ideen, einmal in Deutschland eingeführt, verbreiteten sich schnell und ausgedehnt, und, da sie überall auf eine veraltete und drückende Gesetzgebung stießen, fachten sie den Geist und das Bedürfniß des Volkes mächtig an. — Das Jahr 1848 traf das deutsche Volk gerade so, wie 1830 die deutschen Professoren getroffen. Der radicale Liberalismus, der aus Frankreich herüberwehte, überraschte das deutsche Volk plötzlich und riß es einen Augenblick mit sich fort. Aber erwachsen unter dem theoretisirten und schulmäßig gezügelten Liberalismus der dreißiger Jahre, blieb es schnell wieder stehen, um das Neue mit dem Alten gehörig zu verarbeiten. Dieser Entwickelungsproceß hat bis zur Gegenwart geführt. Es war natürlich, daß die Profefforen des dreißiger Liberalismus eben so wenig der Volksbewegung von 1848 zu folgen vermochten, wie ihnen 1830 die Absolutsten gefolgt waren, und sie wurden daher durch jene Bewegung, da sie sich ihr entgegenstellen wollten, hinweggeschwemmt. Hierunter gehörte auch Dahlmann. Diese Skizze wird uns auch das Folgende verständlich machen. Den oben geschilderten Gang zeigt uns ganz besonders die Judenemancipation in Deutschland. Die Julirevolution, welche in Frankreich selbst die Bestreitung der jüdischen Cultuskosten von Seiten des Staates gebracht, entzündete auch in Deutschland den Geist für die Gleichberechtigung. Die hessische Verfaffung decretirte diese in ihrem völligen Umfange. Aber bald fing das Feilschen und Markten mit ihr, das Beschränken und Begrenzen an, und dies eröffnete und sanctionirte gerade Dahlmann in der hannoverschen Ständeversammlung. Es traten von hier ab nur „Verbesserungen in der Lage der Juden" ein. Aber der Geist entwickelte sich, und zwischen der Dahlmannschen Ständeversammlung von 1833 und dem preußischen Landtage von 1847 zeigt sich bereits eine weite Entfernung. Das Jahr 1848 schwemmte auch dies hinweg, und die deutschen Grundrechte proclamirten die unbedingte Gleichstellung. Wie aber die Reaction dies wieder einzudämrvcn suchte, und noch heute eine volle Wirksamkeit nicht zuläßt, weiß Jedermann. Aber von Dahlmannschen Ansichten ist keine Rede mehr. In einem früheren Jahrgange dieser Zeitung war einmal ein Bericht aus den Dahlmannschen Vorlesungen über die beschränkten Ansichten dieses doch so bedeutenden deutschen Liberalen gegeben worden. Sie fielen nach dem Beispiel, welches auch Rotteck geboten, nicht allzusehr auf. Man legt aber dergleichen Mittheilungen aus blos gehörten Vorlesungen keine große Autorität bei. Die vorliegende Biographie liefert uns aber die Beweise. Dahlmann, in Wismar geboren, wo feit Jahrhunderten kein Jude geduldet worden, so daß dessen Thore erst durch die norddeutsche Bundesverfassung unseren Glaubensgenossen geöffnet wurden, war voller Vorurtheile gegen die Juden. Als er noch Professor in Kiel war, mußteer nach Karlsbad reisen (1818). In seinen Briefen klagt er: die Straßen sind schlecht, die Fahrgelegenheiten selten, die Beförderung über die Maßen langsam. Auch eine paffende Reisegesellschaft fand sich nicht. Springer erzählt (S. 213): „Auf einer einzigen Strecke hätte er einen Gefährten haben können, aber lange zufammengesperrt zu bleiben mit einem kaufmännischen Genossen, den er noch außerdem im Verdacht des Judenthums hatte, sagte ihm nicht zu, und so blieb er die ganze lange Zeit hindurch seine eigene Gesellschaft." Diese wenigen Worte charakterisiren den Mann hinlänglich. Man wird fragen, warum soll ein Mann wie Dahlmann nicht die Geisteskraft besitzen, Vorurtheile zu besiegen, wie es z. B. Professor Krug gethan, der nicht minder in einem judenfeindlichen Lande geboren und erzogen war und wirkte? Das ist eben nicht aller Leute Fähigkeit. Doch kommen wir zur Thatsache. Die hannöversche Ständeversammlung, welche über das 1833 zu Stande gekommene Staatsgrundgesetz zu berathen hatte, wählte Dahlmann in ihre Commission über zahlreiche Petitionen jüdischer Gemeinden um Verbesserung ihrer Lage, und diese Commission machte ihn zu ihrem Berichterstatter. Springer referirt <S. 358): Die hannöverschen Juden hatten gereckten Grund, sich durch ihre Rechtslage beschwert zu fühlen. Die Fremdherrschaft halte sie allen Bürgern gleichgestellt, die westphälische Constitution alle wesentlichen Beschrän-