Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 489 (sequence 5)
- Language
- German
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489 Die Liberalen aus -en dreißiger Zähren. Dahlmann. Der vor Kurzem erschienene erste Band der Lebensbeschreibung Dahlmanns*» von Anton Springer (Leipzig, 1870) giebt uns Veranlassung, einen Blick rückwärts in eine vielbewegte Zeit zu werfen, die in vielen Beziehungen bereits sehr verschieden von der unsrigen ist, aber doch die Gegenwart vorbereitete und möglich machte. So ausführlich geschriebene Biographien einstußreicher Männer haben das Verdienstliche, in eine hinter uns liegende Zeit klarere Einblicke zu vermitteln. Da erstaunt man oft, wie verschieden doch Zeiten sind, zwischen denen nur wenige Jahrzehende liegen. Unsere Betrachtung kann sich hier nur auf die Stellung unserer Glaubensgenossenschast beschranken; aber die diese betreftende Frage bewegte nicht blos das Princip der Gewissensfteiheit, sondern griff auch in alle anderen socialen Sphären ein, in die der ständischen Gliederung und Privilegien, des Zunftgesetzes, der Freizügigkeit u. s. w., und giebr somit Gelegenheit, den Standpunct auch in diesen Fragen von so entschieden allgemeinem Werthe zu beobachten. Einige kurze Bemerkungen dürften wir uns daher voran erlauben können. Die französische Julirevvlution von 1830 hatte eine außerordentliche Einwirkung auf alle Geister in Europa geübt; es war wie ein Erwachen aus dem Schlafe, wie ein Funke, der in ein Pulverfaß fällt, der europäische Geist war mit einem Male liberal geworden, und ganz *) Dahlmann war 1785 in Wismar geboren, zuerst Professor in Kiel, dann in Göttingen, wo er in die hannoversche Ständekammer gewählt, das Staatsgrundgesetz von 1833 zu Stande bringen half, von wo er aber, als er nach der Aufhebung jenes Staatsgrundgesetzes durch Ernst August den Eid nicht leisten wollte, als einer der „sieben Göttinger Professoren" entlassen wurde. Hieraus besonders entstand sein großer Ruf des Liberalismus. Er wurde nach Bonn berufen, wo er als Professor der Geschichte und des Staatsrechts eine bedeutsame Wirksamkeit hatte. 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, gehörte er daselbst zur Rechten, that sich wenig hervor, während er in Commisstonen und Parieiversammlungen keinen unbedeutenden Einfluß übte, und verschwand seitdem geräuschlos aus der Oeffentlichkeit. besonders in Deutschland. Diese Erscheinung eines plötzlichen Erwachens, einer jähen Geistesumwandlung darf, da sie öfter in der Geschichte vorkömmt, nicht allzusehr verwundern: ein unerwartetes Ereigniß bringt eben zu Tage, was längst vorbereitet war, und nur darin liegt das Ueberraschende, daß sich im ersten Augenblick eine Uebereinstimmung Aller und damit eine gewrfse Unwiderstehlichkeit manifestirt. Dies dauert aber nicht lange; denn nachdem die Ueberraschung vorüber, bemäcdtigen sich die Geister des gewissermaßen gegebenen Stoffes, bearbeiten ihn, jeder nach seiner Weise, und hiermit geht der allgemeine Charakter wieder verloren. Der Liberalismus, der 1830 in Deutschland aufflammte, war doch nur importirt. Die deutschen Liberalen, die damals im kräftigsten Mannesalter standen, waren unter der patriarchalischen Verehrung des Absolutismus erwachsen und halten bis dahin nur Deutschthümelei getrieben, d. h. ein ungewisses nationales Gefühl gepflegt, das von der politischen Auffassung und Vorstellung der deutschen Nation als eines politischen Körpers noch sehr fern war. Nachdem sie sich daher von der ersten Ueberraschung erholt hatten, suchten sie nach ihrer Weise mit dem aus England stammenden und durch Frankreich importirten Liberalismus, welchen sie nicht wieder los werden konnten, sich in ein für sie erträgliches Verhältniß zu bringen. Diese Arbeit konnte natürlich nicht auf ein und dasselbe Resultat hinauskommen, sondern mußte Products mannigfacher Art hervvrbringen. Deshalb die große Verschiedenheit bei den deutschen Liberalen der dreißiger Jahre, die, im Allgemeinen eines Geistes scheinend, in jeder einzelnen wichtigen Frage auseinandergingen, die, auf der einen Seite sehr erleuchtet, auf anderen sehr beschränkt sich zeigten. Wir brauchen kaum zu sagen, daß dies ganz besonders bei den deutschen Professoren, namentlich der Geschichte und der Rechtswissenschaft, der Fall war. Wer diese Männer näher kennt, verehrt sie wegen ihrer umfassenden Gelehrsamkeit, ihres tief wissenschaftlichen Geistes, ihres unbeschränkten Fleißes; aber er weiß auch, daß sie, sich in ihre Specialitäten versenkend, Theorien sich bilden, die, auf Voraussetzungen gegründet und durch Sophismen fortgesührt, sonderbare und doch eisern festgehaltene Gebilde schaffen. Hierzu kommt aber noch eine ganz falsche Vorstellung vom wirklichen Leben. Wenn Jemand den Querriegel, hinter welchem ein mächtiger See sich aufgestaut, durchschneiden und dem Wasser einen Abfluß schaffen will, wird er glauben, dieser Strom werde nun aus Dankbarkeit für