Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 488 (sequence 4)
- Language
- German
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488 gegen die übrigen Religionen einwvhnen; es klärt seinen Inhalt durch geistige Auffasinng und wissenschaftliche Bearbeitung, und streift ab, was es als mißbräuchlich und abgestorben an sich erkennt. Wie weit es in diesem gesammten Fortschritt gekommen, ist hier nicht die Frage. Genug, das verflossene halbe Jahrhundert hat es aus den Zuständen, in welchen es vordem geschmachtet, befreit, gerettet und weit hinweg geführt. Wenn wir vom Judenthume in dieser Wandelung sprechen, so verstehen wir es nicht blos abstract, sondern auch in seinen Trägern, den Juden. Wie sich die allgemeine Cultur in ihrer Maste immer mehr verbreitete, so sind sie auch innerlicher geworden, und die Religion ist ihnen nicht mehr entweder blos die dürre Satzung, deren strenge Einhaltung die Furcht vor Strafe und die alte Gewohnheit dictirt, oder der leere gleichgültige Name, der nichts als äußerliche Hindernisse im Leben bereitet. Sie sind sich ihrer Religion und des großen ewigen Inhalts derselben bewußter geworden, sie haben auch als Sohne eines uralten Geschlechts, als Erben einer großen Geschichte mehr Selbstbewußtsein erlangt. Zugleich haben sich ihre Verhältnisse nach Außen sehr geändert. Zunächst ist die Welt selbst eine andere geworden. Die Grundsätze des Rechtes und der Freiheit wurden anerkannnt und in steigender Proportion verwirklicht; die gesetzlichen Schranken fielen, und die Borurtheile begannen zu weichen; das wirkliche Leben wurde auch für die Juden frei; sie betraten alle Bahnen und alle allgemeinen Jnteresten wurden auch die ihrigen; sie erwiesen sich hier überall als ebenbürtig und befähigt. So fingen zuletzt auch die gesellschaftlichen Schwierigkeiten sich zu mindern an, und wurden auch dadurch weniger fühlbar, daß die jüdischen Kreise selbst des gesellschaftlichen Werthes und Reizes nicht ermangeln. Wir geben zu, daß in allen diesen Momenten noch vieles zu thun bleibt, aber dies macht nichts aus, denn in diesen Dingen entscheidet nicht der Erfolg allein, sondern schon das Bewußtsein, die Vorstellung, das Streben selbst. Somit sind die beiden Elemente, welche den Schmerzensruf einer Rahel und eines Heine erklärlich machen, jetzt geschwunden. Es liegen so viele Lebensbahnen vor dem jungen Israeliten, daß es nur noch einige wenige giebt, ans denen ihm sein Judenthum wesentliche Hinderniste schafft, solche, die er selbst nicht mit ausdauernder Energie zu überwinden vermöchte, und die bloße Geselligkeit hat in unsrer Zeit, wo das öffentliche Leben einen so großen Platz einnimmt, nicht mehr die Bedeutung, daß sie, wo sie ausschließlich austritt, ein bleibendes und tieferes Bedauern hervorbringe. Dagegen hat das Judenthum an sich und das religiöse Bewußtsein in den Juden eine so große Kraft gewonnen, daß es derartige Nachtheile, wo sie wirklich noch vorhanden sind, kräftig zu überwinden vermag. Ja, Schreiber dieses vermochte und zwar von innen heraus ohne Rückblick und äußere Veranlastung in seinem, der Jugend gewidmeten, „Rath des Heils" das erste Capital über „das Glück, ein Bekenner des Judenthums zu sein" abzufasten, und zwar mit so einfachen und unzweideutigen Gründen, daß sie Jedermann als gerechtfertigt anerkennen wird. Wir erwähnen dies als eines Symptomes der Zeit, das sicherlich ein viel größeres Gewicht in sich birgt, weil es aus und zu einer Allgemeinheit spricht, als jene Aeußerungen einiger Personen, wenn diese noch dazu von einer besonderen Individualität waren. Aber weil dennoch Spuren genug aus jener unglücklichen Zeit noch heute vorhanden sind, müffen wir jene traurige Erscheinung als eine Warnung auch der Gegenwart vorsühren. Die Entschuldigungen, welche die Kinder jener Zeit für sich haben, sind für die unsrige verschwunden; aber der Weg, der zu einer ähnlichen Berzweistung an dem Werthe seiner Religion und Abstammung führt, steht immer offen, und die Aeltern, die ihre Kinder jetzt noch so erziehen, werden ähnliche Erfolge erleben. Würde das Streben, das Judenthum in dem ehemaligen Formalismus zurückzuhalten oder gar dahin zurückzuführen, ein allgemeines und obherrschendes werden, wollte das Judenthum seine eigene Klärung gewaltsam unterdrücken und sich in die alte Phase zurückstauen, sollte es die Durcharbeitung im Geiste der Entwickelung und die Ausgleichung mit der gewaltigen Zeit, die uns umgiebt, abweisen: so würde es in Zustände, die uns die angeführten Auslastungen charakterisiren, zurückfallen, und zwar in einer Ausdehnung und mit einem solchen Mangel an Widerstandskraft, daß die Folgen unübersehbar waren. Aber ebenso traurig würde eine allgemeine Verflachung, eine Entäußerung jedes specifischen Charakters, eine bloße religiöse Phraseologie, eine Zurückweisung jedes geschichtlichen IV omentes sein, da hiermit das eigentliche Bewußtsein des Judenthums und sein wesentliches Fundament verschwände. Zum Glück ist Beides nicht zu fürchten.