Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 487 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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487 ren. Als reiches Bürgermävchen, so konnte sie wenigstens glauben, würde sie dergleichen nicht erfahren haben. Da konnte wohl ihr negatives Judenthum ihr als Unglück erscheinen. Aber sie war auch gesellschaftlich erzogen, und ihre ganze Richtung mußte sie zur Gesellschaft Hintreiben. Wo das Gemüth unbefriedigt bleibt, das Haus mit seinen Genosien eine Statte der Zwietracht ist, bei Reichthum eine wirkliche Thätigkeit für den weiblichen Theil nicht vorhanden ist: da bleibt nichts als die Gesellschaft übrig. Aber auch hier mußte sie Schritt vor Schritt nach den damaligen Verhältnissen die Nachtheile der jüdischen Abstammung erfahren. Was heißt das, wenn sie ausruft, daß sie sich stets als „aus Aegypten und Palästina entwischt" gefühlt habe? Nichts anderes, als daß sie den Boden der Gesellschaft unter ihren Füßen immer wie einen fremden, wenigstens wie einen ihr nicht ganz heimischen empfand, daß ihr stets eine gewisie ftemdartige Luft entgegenwehte. Bei der großen Verehrung, die sie in ihren Kreisen erfuhr, und bei der Bedeutung Derer, die ihren Salon aufsuchten, konnte dies auffallen, wenn man nicht die reizbare Empfindlichkeit kennte, welche die Juden in allen nichtjüdischen Kreisen niemals verläßt, und die sie oft vermuthen und voraussetzen läßt, was wirklich nicht oder doch nicht in dem Maße vorhanden ist. Uebrigens wißen wir nicht, welche Zurückweisungen Rahel in ihrem gesellschaftlichen Verlangen von bestimmten Kreisen erfahren hat, und ob ihr die Gesellschaft, die sich um sie versammelte, immer genügte. Sehen wir uns diese Gesellschaft an. Nach dem Ausspruch Rahels waren Wahrhaftigkeit und Originalität die Motive des Zutritts. Mit der Wahrhaftigkeit hat es sein Bedenken, und wir wollen lieber Geist und Originalität dafür setzen, wenn auch letztere nicht selten bloße Sonderbarkeit war. Was wir aber hier gänzlich vermißen, das ist ein dritter, der nach unsrer Ansicht höchste Werth, nämlich die Sittlichkeit. Um diese kümmerte sich offenbar Rahel bei der Zulassung zu ihrer Gesellschaft gar nicht. Rahel wird von Allen als eine reine und zarte Seele charakterisirt. Wir wollen dies nicht in Abrede stellen. Dann aber darf man des Weisen Wort: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist," auf Rahel nicht anwenden. Den männlichen Theil wollen wir nicht kritisiren, denn man thut dies in der Gesellschaft nicht, wenigstens so lange gewisie Dehors beobachtet werden. Es waren Wüstlinge der ärgsten Art darunter, aber höchste Capacitäten, die in der deutschen Wissenschaft und Geistescultur Ehrenplätze einnehmen. Aber die Weiber! Schauspielerinnen vom schlechtesten Rufe, Concubinen, Ehebrecherinnen offenkundigster Art! Wenn sie nur interessant waren! Wir schmähen nicht, wir verweisen lediglich auf den Artikel des Herrn Hillebrand, der nach französischer Weise kaum hierin Etwas findet. Wir aber finden viel darin. Für den Fremden, der Berlin besuchte, mochte eine solche picante und von Geist übersprudelude Gesellschaft sehr anziehend sein. Aber he-mische ehrbare Kreise mußten sich davon abgestoßen finden. Nun weiß man, welche Rivalität sich da, wo sich solche verschiedenartige gesellschaftliche Kreise befinden, zwischen denselben erhebt, wie man sich gegenseitig hervorragende Individuen bestreitet und so weiter. Was so zu nicht geringem Theile auf die Beschaffenheit fiel, das wurde, denn es ist bequem, auf das Judenthum geworfen. Man sieht dies noch heute oft. Die Juden selbst schieben oft auf ihre Eigenschaft als Juden, was doch ganz andere Motive in den Persönlichkeiten hat. So glaubte sich auch Nahel in gesellschaftlicher Beziehung stets durch ihr Judenthum behindert und benachtheiligt und empfand und erklärte dies für ihr Unglück. Wir haben also für die ähnliche Aeußerung die ähnliche Ursache bei Heine wie bei Rahel. Jener wollte Carriere machen, und konnte dies damals als Jude nicht. Er machte sie später auch als getaufter Jude nicht, weil ihm die wissenschaftliche Gründlichkeit und die pflichtgelreue Beamtenruhe fehlten; das Judenthum sollte ihm nun für ein Unglück gelten. Rahel wurde von zwei Bewerbern treulos verlassen, und sah ihren Drang nach Gesellschaft oft unbefriedigt; so sollte auch ihr das Judenthum ein Unglück sein. Es ist dies etwas ganz Aeußerliches, aber es wog ihnen in damaliger Zeit sehr Siebenzig Jahre sind seit jenen Aeußerungen Rahels, fünfzig seit Heine's Ausspruch verflossen. Die Zeiten haben sich gänzlich geändert. Das Judenthum hat sich seitdem aufgerichtet aus dem Staube, in welchem es lag; sein stockendes Blut rollt wieder lebhaft in seinen Adern, seine Brust athmet frisch in der Strömung des freien Lebens, sein Antlitz ist emporgehoben; es ringt nach der Weltstellung, die ihm gebührt; es ist sich bewußt geworden, was es der Welt geleistet, und was es für Gegenwart und Zukunft des menschlichen Geschlechtes noch zu leisten habe; es hat die Schwächen erkannt, die ihm eine lange und traurige Vergangenheit geschaffen, aber auch die Vorzüge, die ihm in Wesen und Erscheinung 25*