Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- Seite 486 (sequence 2)
- Language
- German
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486 geben dafür Beweise genug, und Rahel selbst vertheidigte manchen ihrer Genoffen damit, daß er im Grunde gar nicht sei was er scheine; man lese z. B. die Charakteristik eines gewissen Wiesel. Doch hierauf kommt es uns an dieser Stelle nicht an. Rahel Levin war 1771 zu Berlin geboren, und litt von Jugend auf an einer übermäßigen nervösen Reizbarkeit, so daß schon jede stärkere Veränderung der Luft sie krankhaft stimmte. Herr Hillebrand sagt nun (p. 72) : „Sie war als Jüdin geboren, unv selbst nach ihrem Uebertritt, der sehr spät stattgefunden, empfand sie diese Ungunst des Schicksals immer sehr lebhaft. Es schien ihr, schrieb sie im Alter von 23 Jahren an ihren Freund Veit, als ob ein übernatürliches Wesen ihr in dem Augenblicke, als sie auf die Welt geschleudert worden, einen Dolch in ihr Her; gestoßen habe, und indem es sie mit allen Gaben überschüttet, diese alle paralysirt habe, indem es sie zur Jüdin gemacht. Noch vierzehn Jahre später stieß sie denselben Schmerzensschrei aus: „Was habe ich? daß ich das Bewußtsein habe, niemals gefehlt, niemals im Leichtsinn oder aus Jntereffe gehandelt zu haben, und mich dennoch nicht aus dem Unglücke meiner falschen Geburt ziehen zu können, denn dies erneuert sich fortwährend und beugt mich nieder!" Bis auf ihrem Todbette spricht sie von sich selbst als von „einer aus Aegypten und Palästina Entflohenen/' stets mit einer Resignation, welche die vorangegangenen Leiden errathen ließen. „Was für mich so lange Zeit die größte Schmach, der Schmerz und die herbste Bitterkeit gewesen, das Unglück, als Jüdin geboren zu sein — ich möchte es jetzt um keinen Preis nicht durchgerungen haben." Wenn wir dies lesen, so könnten wir leicht versucht sein, die Sache umzukehren, und zu sagen: Nicht das Judenthum war ein Unglück für Euch, sondern Ihr wäret ein Unglück für das Judenthum! Allein einer welthistorischen Erscheinung von fast vier Jahrtausenden gegenüber sind einige Individuen, die ihr abtrünnig oder feindselig gesinnt sind, kein Unglück; sie geht darüber hinweg, und hat sie vergessen. Vielmehr werden wir, wenn auch nicht gerade mit einem witzelnden Dichter, doch mit einer fein und zartfühlenden Frau Mitleid empfinden, wenn sie ihre väterliche Religion, die ihr Trost und ihre Stärke hätte sein sollen, als ein „für immer auf ihr lastendes Unglück" empfindet und ansieht. Es wird uns dann ein zwiefaches Werk obliegen, zuerst eine Erklärung dieser sonderbaren Erscheinung zu geben, alsdann es als eine Warnung aufzustellen. Die Erklärung wird nicht allzu schwer fallen, wenn wir Personen und Zeitverhältnisse in Erwägung ziehen. Wir halten uns dabei an die Mittheilungen des Herrn Hillebrand selbst, die sich auf die bekannten Dokumente und Berichte stützen. Rahel war also eine nervös höchst reizbare und krankhafte Natur, die andererseits eine außergewöhnliche Elasticität besaß. Ihr Vater, ein sehr geistreicher Mann von unerschütterlichem Character, war in seinem Hause ein Despot, und Rahel wuchs unter beständigem Kampf und Widerstand gegen ihn auf. An der Mutter hatte sie wenig Stütze, denn sie war eine gute, aber schwache Frau. Auch unter den Geschwistern fand kein vertrauliches Leben statt, und besonders mit ihrem ältesten Bruder führte Rahel einen beständigen Krieg. Der Vater liebte Gesellschaft, und sei es aus Vorliebe, sei es weil sich ihm eine andere nicht bot, versammelte er in seinem Hause Schauspieler und Schauspielerinnen, deren sittliche und sociale Stellung in jener Zeit nicht übersehen werden darf. Dies ist die eine Seite, und man wird erkennen, daß dem Hause des reichen Juweliers Levin gerade das fehlte, was dem Judenthume selbst in der Zeit der tiefsten Erniedrigung den höchsten Werth verlieh, das innige Familienleben, das Alles überwindende zarte Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern und Verwandten, eine Gemüthlichkeit, unter deren Einwirkung allein die strenge Uebung der jüdischen Satzungen einen erhebenden und beglückenden Eindruck machte. Hierzu kommt, daß Rahel ohne allen Unterricht aufwuchs. Sie las sehr viel, aber hatte nichts methodisch gelernt. Sie selbst klagte später oft darüber: „Man hat mich absolut nichts gelehrt, die Geographie oder Geschichte ebenso wenig wie das Judenthum." Letzteres kann nicht auffallen, denn in damaliger Zeit blieben die jüdischen Mädchen sämmtlich ohne religiösen Unterricht. Aber einem Geiste wie dem Rahels mußte dies später um so fühlbarer werden, jemehr er in andere Gebiete und Kreise hineingerissen ward. Sie kannte also das Judenthum nur von der negativen Seite. Nun die andere. Rahel hatte in ihrer Jugend zweimal ein Liebesverhältniß, mit einem Herrn v. Burgsdorf und einem Grafen v. Finkenstein. Beide verließen als echte Edelleute um der adligen Sippschaft wegen die geliebte Jüdin. Dies konnte für ein solches Gemüth nur die heftigsten Kämpfe und Schmerzen mit sich füh-