Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1870)
- Date
- 1870-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226770--28472-3302305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
34. Jahrgang. Allgemeine 2s. Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse« Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 21. Juni 1870. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstag-, in 2 bis 2'/, Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Inserat: werden mit I V* Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämrer und ZcirungS«Expedilioncn nehmen Beste!- lungen an; der Haupt-Expcdi ion für beide Letztere hat sich das Königl. Sächs. Haupr-Zcitungs-Bnrcau unterzogen. Inhalt. Zettende Artikel: Wo liegt das Unglück? — Die Liberalen aus den dreißiger Jahren. — Rumänien. — Die Blutprocession in Brüssel. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig, Berlin, München, Krotoschin-— Frankreich: Paris. — Schweden: Stockholm. (Fortsetzung und Schluß aus voriger stummer). Feuilleton-Beilage: Die jüdisch-griechischen Dichter. Leitende Artikel. Bonn, 3. Juni. Wo liegt das Unglück? Man erinnert sich vielleicht, daß Heinrich Heine ein Mal in seinen „Reisebildern" sagt: „Das Judenthum — ist gar keine Religion, es ist ein Unglück." In welcher Laune dieser launenhafteste aller Dichter diesen Ausspruch that, wollen wir nicht untersuchen. Wenn Heine einen Witz auf den Lippen hatte, fo mußte er heraus, ohne Berücksichtigung, wie viel an dem Witze sei und wen, vielleicht sich selbst, er damit verletze. Hatte doch Heine in der Jugend seine Zeit, wo er ein glühender Anhänger des Judenthums war und einen fanatischen Haß gegen dessen Feinde hervorsprudeln ließ; und nicht minder coquettirte er in seinen letzten Jahren nicht selten mit dem Judenthume. In Heine gährte und wühlte es immerfort, einen wirklichen Kampf kämpfte er in sich selbst niemals. Aber einen ähnlichen Ausspruch hören wir einige Jahrzehende früher aus einem ernsteren Munde, aus einer Periode, welcher die ersten Jünglingsjahre Heine's noch angehörten, oder doch mit deren Ausläufen in Berührung standen. In dem zweiten Artikel der Abhandlung des Herrn K. Hillebrand über die Gesellschaft in Berlin von 1789 bis 1815, deren ersten Artikel wir in Nr. 15. d. Bl. besprochen haben, behandelt der Verfasser ikevne des deux mondes vom 1. Mai 1870, p. 671 das Leben der Rahel Levin, später verehelichten Varnhagen von Ense. Er betitelt diesen Artikel mit Recht „die Originale." Denn die sämmtlichen Nebenfiguren dieses Gemäldes können den Anspruch auf Originalität machen, und wie Rahel selbst wiederholt bekennt, so bestanden für sie nur zwei Werthe in den Menschen: Wahrhaftigkeit und Originalität. Wir glauben ihr dieses, meinen aber doch, daß sie in dieser Verbindung sich sehr geirrt hat. Denn die Originalität besteht sehr häufig im Schein und in der Verhüllung der Wahrhaftigkeit. Durch originelles Gebahren will man oft die wahre Gesinnung verdecken und in dem Haschen nach Originalität greift man zu Aeußerungen, die der eigentlichen Gesinnung gar nicht entsprechen. Wahr und einfach sind wesentlich mit einander verbunden; das Einfache ist aber nicht originell, sondern der allgemeine Grundtypus. Die Schilderungen des Vers.