Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 483 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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483 Weiß ich nichi längst, daß der Mensch nur durch langen Kampf zum Siege, nur durch viele Unruhe und starken Sturm zur Ruhe und Sicherheit gelangt? Die Hütte des Friedens zu bewohnen ist ihm nur für seltene und flüchtige Augenblicke vergönnt. Mühsal und Beschwerde find seine Bestimmung, denn durch sie allein wird er, was er werden kann, wird in ihm wach, was geschlummert, frei, was in ihm gebunden war. Dies Alles ist nur verständlich, hat nur einen Sinn, wenn wir unser Leben als Durchgang und Vorbereitung ansehen. Anders betrachtet wäre es nichts als Wirrsal. Wie thöricht sind die, .welche, um aus diesem Knäuel zu kommen, den Genuß und was ihm dient als Inhalt und Zweck des Menschenlebens ansehen wollen. Was sie so Genuß nennen, ist so unbefriedigend, daß es der großen Mühe nicht werth ist, und hat so üble geistige und leibliche Folgen, daß er in den meisten Fällen nur wie eine Schlinge des Verderbens ausgespannt ist. Der wahre Genuß, von bleibender und heilsamer Wirkung, ist wieder nur in der Erkenntniß und der Liebe zu suchen, und diese führen geraden Weges zu Gott und dem Jenseits zurück. Also nimm das Leben wie es ist, und die Stelle, auf welche dich die Vorsehung gesetzt, wie sie beschaffen — jenes ist immer noch erhaben und diese groß genug, um des Guten und Edlen, des Schönen und Wahren möglichst viel anzubauen und zu pflegen für dich und Andere. Dies erinnerte mich, daß meine Zeit vorüber; und da ich mit meinen Gedanken richtig schon wieder unten angekommen, von wo ich heraufgestiegen, verließ ich den Thurm. Die römische Welt vor -em Eintritt des Christenthums in dieselbe. Bekanntlich ist es eine immer wiederholte Phrase, daß das Christenthum es war, welches in die heidnische Welt ganz andere sittliche Principien brachte, ihren sittlichen Charakter umwaudelte. Unsere Zeit führt alle derartige hergebrachte Meinungen auf ihr richtiges Maß zurück. Wir wollen abfehen davon, welchen Anblick uns die Zeit, nachdem das Christenthum die Herrschaft erlangt hatte, darbietet. Wir betonen hier nur, daß gerade das Jahrhundert, welches der Zeit voranging und angehört, in der das Christenthum innerhalb der römischen Welt aufzutreten begann, bereits sehr hohe sittliche Ansichten, Forderungen und Ideale aufgestellt und in das Leben eingeführt hatte, so daß das Christenthum hier nur vorfand, was es benutzen konnte, und was ihm seine Verbreitung leichter machte. Wir beschränken uns, um dies zu erweisen, auf eine Stelle in einer schon erwähnten Abhandlung des Herrn Gaston Boissier im Maiheft der Revue cles ckeux monäes, eine Stelle, die wir des beschrankten Raumes wegen nur zum Theil geben. Er hatte gezeigt, daß Juvenal. selbst indem er seine Zeit (100 nach d. gew. Zeitr.) geißelt, sehr erhabene sittliche Grundsätze z. B. über die Menschenrechte der Sklaven, über die Familie und die Erziehung, über das Unrecht der Rache und den Werth des Mitleides und der Barmherzigkeit darthut, Ansichten, die im Horaz und Virgil noch nicht vertreten sind. Er fährt fort: „Diese großen Gedanken kamen Juvenal von der Philosophie. Sie hatte durch den Mund des Chrysippus verkündet, daß die Rache sträflich, mit Seneca gesagt, daß der Sklave ein Mensch ist, mit den Stoikern stets wiederholt, daß alle Menschen Brüder sind. Juvenal war kein Philosoph von Profession, er hatte die Weisheit nicht in den Schulen gelernt und er reiht sich bescheiden unter diejenigen, welche nur die Lebensbildung besitzen. Aber damals entging Niemand, welches auch sein Ursprung und seine Vergangenheit sein mochte, der Philosophie. Sie hatte zuerst auf hartnäckigen Widerstand gestoßen, Seneca sagt, daß ihr Name verhaßt war, die Redner und Staatsmänner hatten sie schlecht ausgenommen; trotz dieser Opposition bemächtigte sie sich doch schließlich Jedermanns. Die Saüren Juvenals zeigen uns, daß sie in diesem Augenblicke aus den Schriften und Schulen der Meister hervorgegangen war, daß sie sich überall eindrängte, daß sie sich aller Geister bemächtigte, daß sie die allgemeine Anschauung bildete, in welcher die Generationen gezwungen sind zu leben und welche sie einathmen wie die Luft. Es bliebe zu erfahren übrig, ob diese schönen Lehren, welche sie gab, niemals angewandt wurden. Die, welche sich dem Juvenal anvertrauen und die sein Urtheil annehmen, sind versucht, dieß nicht zu glauben; aber ist es möglich, daß Principien, die von Jedermann angenommen worden und in einer ganzen Gesellschaft verbreitet gewesen, nicht auch praktische Wirkung gehabt haben, und mußten sie nicht schließlich eines Tages von den Büchern in das Leben übergehen? Wir können dies wenigstens von den wichtigsten bestätigen, und wir haben den Beweis dafür, daß sie im Staate nicht nur Vorschriften und Theorien geblieben sind. Juvenal, wie wir gesehen haben, empfiehlt den Herren, sich sanft gegen ihre Sklaven zu zeigen; die Briefe des Plinius erweisen uns, daß ein rechtschaffener Mann sich nicht mehr erlaubte, sie zu mißhandeln. Sie gehörten mit zur Familie, wurden sorgsam gepflegt, wenn sie krank waren, man beweinte sie, wenn man sie verloren hatte; man machte sich eine Pflicht daraus, ihre Testamente zu respectiren und ihre letzten Willen auszuführen. Noch wichtiger ist, daß von dieser Zeit an das Gesetz intervenirte, um sie zu beschützen. Der Kaiser Claudius bestimmt, daß der von seinem Herrn in einer Krankheit verlaffene Sklave frei frei wird, wenn er genesen. Hadrian straft diejenigen mit dem Exil, welche sie mit Grausamkeit behandeln, Antonin und Marc Aurel sind unaufhörlich beschäftigt, sie zu vertheidigen, und die Rechtsgelehrten, welche die Grundsätze des Seneca in die Gesetze einführten, proclarnirten schließlich, daß vor dem natürlichen Rechte Jedermann frei geboren wird. Ick habe die schonen Verse Juvenals