Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 482 (sequence 14)
- Language
- German
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482 aufzudecken, ihre Kammern und Schlupfwinkel zu beleuchten, zuerst das grelle Licht der Erkenntniß auf die wirklichen Mangel und Sünden, und dann das sanfte Licht der Barmherzigkeit und Nachsicht auf sie fallen zu lasten — ein solcher Prediger würde ja doch nur als Schönredner, Humanist, Rationalist, Unitarier oder sonst wie betitelt werden, und die frommen Männer wüßten bald die rechten Hebel anzusetzen. um ihn von der Kanzel zu verdrängen. Jeder, der eine aufrichtige Ueberzeugung sich erworben hat, dem diese mit seiner ganzen Denk- und Gefühlsweise verwachsen ist, wird sie für die allein wahre und richtige halten und wünschen, daß auch Andere sie theilen. Daß dies auch den einzelnen Religionen, Confessionen und Seelen also ergeht, ist selbstverständlich und erweist sich als Thatsache in der ganzen Geschichte. Die verkehrteste Religionsanschauung, die widerwärtigste Religionsform hat stets für sich die volle und alleinige Wahrheit in Anspruch genommen, sich auf diesem Grunde erhalten und vertheidigt, bis sie es nicht mehr vermochte, weil entweder die Gewalt oder eine völlig veränderte Cultur es ihr unmöglich machte. So weit ist es gut. Aber ein Schritt weiter, und der Abgrund öffnet sich vor den Füßen der Menschen. Sie verkennen das Recht jedes Einzelnen, in der ihm gewordenen und gewonnenen Ueberzeugung zu verharren, und jedes täppische Eingreifen in dieselbe zurückzuweisen; sie verkennen, daß jede Verlockung und Versuchung, seine Ueberzeugung zu verleugnen und eine andere zu bekennen, eine Sünde ist diesem letzteren gleich. Noch mehr. Ihren Eifer für ihre eigene Meinung übertragen sie auf Gott selbst; Er soll ihre und keine andere bei allen Menschen haben wollen, zu seiner Ehre (in mazorem dei gloriam) sollen sämmtliche andere Menschen zu dieser bekehrt werden -- trotzdem die geschichtliche Thatsache von der Verschiedenheit in der religiösen Ueberzeugung und ihre natürliche Begründung in dem Wesen des Menschen dawider spricht. Sie machen diesen Gott zu einem Efferer, der alle Andersgläubigen zur ewigen Höllenstrafe verurtheilt, trotzdem Er selbst sie so und so hat werden kaffen. Und nun heucheln sie sogar das Mitleid für die „verirrten Schafe", und hängen ihrer fanatischen Glaubenswuth den Mantel der Liebe um. So kam das Schwert der Religionsverfolgung über die arme Menschheit und hängt noch heute über ihrem Haupte. Was wird es also sein? Der Mann da drunten, deffen Stimme ich höre, dessen Worte ich aber nicht vernehme, wird mit lautem Pathos den Gottesdienst da drüben in der Marienkirche für abgöttisch erklären und verdammen, während die drüben in der Marienkirche die Lieder und Gebete derer, die hier unten singen, als ketzerisch verfluchen. Und so werden die Betstätten der Menschen zu Fluchstätten und die Religion, welche den Balsam auf die wunden Herzen legen sollte, zur Geißel, die neue Wunden und Brandmale hinzufügt . . . Die Züge meines Antlitzes mußten sehr finster geworden sein; ich fühlte ihre Härte und Schärfe fast selbst. Ich hatte die Arme über der Brust zusammen geschlagen und mein Kopf war niedergesunken. Da siel mein Blick in mich selbst hinein. Ich sah in meine eigene Seele, und fragte mich, wie sieht es denn in Dir aus? Fühlst Du Dich rein von ähnlichen Gelüsten? Hat sich gleichartige Gesinnung nie in Dir geregt? Ich mußte mir gestehen, daß auch ich von dem Hochmuth einer starken Ueberzeugung nicht immer frei geblieben, daß eine Beurteilung der Meinungen Anderer so von oben herab, mit Mißachtung und selbst Spott verbunden, auch mir nicht stets fern gewesen. Ich schonte mich deshalb nicht — aber Thaten, Handlungen der Verfolgung, Werke der Unduldsamkeit konnte ich nicht geradezu erblicken. Ich mißtraute mir selbst, unv blickte daher auf die Religion, die ich bekenne, auf ihren Geist und ihre Geschichte. Ja, dieses Judenthum erschien mir anders als die anderen. Ich sah einen Temhel mit gewölbter Kugel, wie der Horizont um die Menschen, kein langgestrecktes Schiff in Kreuzesform, keinen ansteigenden Thurm mit Spitzen und Zacken, keine steinernen und gemalten Bilder. Ich durfte mir sagen, diese Religion hat niemals den Himmel für ihre eigenen Bekenner ausschließlich in Anspruch genommen; sie hat den Antheil am dies- und jenseitigen Leben nicht nach den Glaubensmeinungen, sondern allein nach den Thaten und Werken zugesprochcn; sie hat niemals das Schwert gezogen, um den Glauben Anderer zu bekämpfen und niemals Belohnungen ausgesetzt für den Uebertritt zu ihr — sie hat stets nur eine scharfe Grenzlinie zwischen der Anbetung eines einzigen Gottes und der Vielgötterei, zwischen der Verehrung im Geiste und dem Götzendienst vor Bildern gemacht, ohne jedoch diese Scheidungslinie mit Waffen der Verfolgung zu überschreiten, ohne die Verfolgung, die ihr selbst in ungeheurem Maße geworden, jemals als Grund der Wiedervergeltung zu gebrauchen. Ein wohlthuendes Gefühl, eine sanfte Wärme floß bei dieser Erwägung durch mein Herz. Aber es verdüsterte sich doch bald. Ich verhehlte mir nicht, daß, wenn das Judenthum also nach Außen verfahren hat, es sich nach Innen nicht immer so frei und rein erhalten. Nach Innen, unter einander, hörte ich auch von den Lippen seiner Bekenner Worte des Bannfluches, sah ich in den Händen auch seiner Söhne das Schwert der Parteiwuth, den Dolch der Verketzerung, den Giftbecher der Religionsverfolgung. Ja, nur zu Zeiten, nur in diesem und jenem Jahrhundert, aber doch. Da war ich in eine mißfällige Gedankenwelt gerathen. Ich war unzufrieden mit mir. Hinaufgestiegen war ich zu dieser Höhe, um in dem reinen Strom des Aethers von den „Qualen der Stadt" mich zu erfrischen, und nun sah ich von oben herab all' die Schäden und Mängel nur noch bestimmter und schwärzer, wie man die Rostflecken auf einem polirten Schilde erst recht gewahrt, wenn die Sonne darauf scheint.und er die Strahlen glänzend zurückwirft. Was soll das? sprach ich zu mir.