Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 484 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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484 citirt, itt denen mau eine so zarte Sorgfalt für die Erziehung der Kinder findet; wie er, so beschäftigt sich die ganze Gesellschaft damit. Seueca und Tacitus sind voll richtiger und tiefer Reflexionen über die Erziehung; es war damals für alle Gelehrten ein Gegenstand des Studiums und man discutirte schon in den Schulen die Theorien von Rousseau's Emile. In einer sehr bewegten Rede rieth der Philosoph Favorinus den Müttern, ihre Kinder zn nähren. „Heißt es nicht die Natur beleidigen, sagte er zu ihnen, heißt es nicht, nur zur Hälfte Mutter sein, wenn man sein Kind von sich wirft selbst in dem Augenblicke, wo man ihm eben das Leben gegeben hat? Ziemt es sich, etwas Unbekanntes unter dem Herzen mit feinem Blute zu nähren, und es dann nicht mehr mit seiner Milch nähren zu wollen, wenn man es lebend sieht, und es ein Mensch ist?" Diese Rathschläge wurden befolgt, und wir sehen zu derselben Zeit Frauen sich in ihren Grabschriften einen Ruhm daraus machen, ihre Söhne selbst genährt zu haben (quae etiam filios suos propriis uberibus edueavit). Wenn das Kind größer geworden, sucht man ihm einen Erzieher, und die Briefe des Plinins zeigen uns die Sorgfalt, mit welcher man diese aussucht. Auch hier verräth und theilt die Gesetzgebung diese allgemeinen Ansichten. Die Kaiser gründen öffentliche Schulen, und Antonin ermuntert die großen Städte, Lehrstühle für Medici», Rhetorik und Grammatik zu schaffen. Man erinnert sich wohl jener bewunderuswerthen Stelle, in welcher Juvenal die Menschen daran erinnert, daß sie Bruder sind und er ihnen eine Pflicht daraus macht, sich gegenseitig unter einander zu helfen. Diese Gefühle waren die aller rechtschaffenen Leute. Gerührt von dem Schicksal der Armen und den Gefahren, zu welchen ihr Elend sie in der Gesellschaft führt, erdenkt Trajan sein großes staatliches Wohlthätigkeitsshstem, seine Speiseanstalten, und aus sie setzt er die Hoffnung der Regeneration des Reiches. Alle die großen Herren, welche ihn umgeben, halten sich verpflichtet ihm nachzuahmen, und es weht in den hohen Elasten dieser Aristokratie ein Zug der Wohlthätigkeit, Vesten Spur in den Briefen des Plinins und den Inschriften des II. Jahrhunderts zurück geblieben ist. Die Armen ihrerseits verständigen und vereinigen sich; das Reich füllt sich mit Vereinen von Handwerkern, von Freigelassenen, von Sklaven, deren Caffen, gespeist von den Beiträgen der Mitglieder und von der Großmuth der Reichen, den Unglücklichen gestatten, einige Hülfe zu erhoffen, wenn sie krank sind, und ein bescheidenes Grab nach ihrem Tode. Trajan zögert zuerst, sie zu autorisiren: er ist ein kluger Fürst, der die Coalitionen und politischen Wirren fürchtet; dennoch entscheidet er sich diejenigen zu erlauben, „die keine andere Absicht haben, als das Elend der Armen zu erleichtern." Später, nach ihm, zeigen sich die Kaiser darin zugänglicher; Sever erklärt sich offen für den Beschützer der Associationen und und sichert ihnen den Besitz ihrer Güter. Herr de Rossi hat gezeigt, daß das entstehende Christenthum diese Privilegien benutzt, daß es sich ihrer bedient hat, um in Frieden seine Betstuben und feine Gräber zu besitzen, und daß es also unter dem Schutze der heidnischen Wohlthätigkeit gewachsen ist. Diese Thatsachen sinv unbestreitbar; sie gestatten es nicht, den Fortschritt zu laugnen, der, selbst in den traurigsten Zeiten des Kaiserreichs, sich in den öffentlichen Sitten vollzogen hat." Bon jetzt ab wird sich kein Unparteiischer gestatten dürfen, diese geschichtliche Wahrheit zu übersehen. Ein faktischer Beweis mehr gegen die Leidensgeschichte Jesu. Indem jungst erschienenen Werke: „Römische Schlendertage" von Hermann Aümers heißt es in dem Kapitel über die Malereien in den Katakomben, S. 259: „Auch Christus erscheint bärtig und thronend nur erst in der allerspätesten Zeit der Katakombenmalerei, und in der ganzen altchristlichen Kunst wird von seinen Leiden nur seine Gefangennehmung und allenfalls die Vorführung vor Pilatus dargestellt, n i e a b e r die Geißelung,Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung, wasvölligunerklärlicki st." Die Katakomben Roms waren aber nicht nur Begräbnißstätten, sondern hatten namentlich den Zweck gottesdienstlicher Versammlungsorte. Man benutzte sie theils, weil der Gottesdienst sich vor den Verfolgungen der heidnischen Römer nicht besser verbergen konnte, als im geheimnißvollen Schovße der Erde, theils, weil die Nähe geliebter Todten weihevoll stimmte, namentlich aber die Ruhestätten der Märtyrer in denselben, die der Wuth der Römer oft in qualvollster Weise erlegen waren, als leuchtendes Vorbild die Gläubigen zu ähnlichem Todesmuth begeistern sollten. Darum begrub man die Märtyrer und Bischöfe nicht in den schmalen langen Gängen, in denen die anderen Todten ruhten, sondern an runden weiteren Plätzen (loculi), und hier, an ihren Grabstätten, hielt man den Gottesdienst. Bedenkt man nun, daß die Decken dieser loculi mit Malereien geziert waren, die den Glauben stärken sollten, was lag da wohl näher, als die Leiden des Stifters der Religion darzustellen, die stärker noch predigen und zu Herzendringen mußten, als die stummen Gräber der Märtyrer? Wenn dies nun nie und nirgends in den ersten Iahrhh. geschah, so kann wohl die einzige Erklärung die sein, daß den echten Christen eine solche Leidensgeschichte ihres Religionsstifters gar nicht bekannt war, und daß diese Leidensgeschichte sich erst nach und nach durch die dann auftauchenden Evangelien im Volke verbreitete. Es wäre dies wiederum ein Beweis gegen die historische Wahrheit der Hinrichtung Jesu. Siehe dar über Philippson: „Haben die Juden wirklich Jesum gekreuzigt?" Ueber die spätere Abfassung der Evangelien, anlehnend an Strauß und Andere, daselbst S. 13 u. ff. _ J. in P. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dp. H. Lotze.