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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-14 · Heft 24 (14.6.1870) · p. Seite 481

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 24 (14.6.1870)
Date
1870-06-14
Page
Seite 481 (sequence 13)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudeuthums. Fmilletoil-Seilage )u Ur. 84. Leipzig, den 14. Juni 1870. Betrachtungen vom Thurme. 7. Der Gesang der Gemeinde, gemischt mit den Orgelklängen , drang gtt mir herauf, zuerst schwach und getragen, dann anschwellend, immer stärker. Es überkam mich, es schauerte mich. War's mir doch einen Augenblick ums Herz, als ob diese Lieder mir gälten, so hoch fühlte ich mich gehoben. Ich lächelte über mich selbst. Sie gleiten ja, diese Gesänge, sprach ich zu mir, an Dir vorüber, immer höher hinauf, in die unermeßliche Höhe, in den unendlichen Raum. Wissen doch diese singenden Leute nichts von Deinem Dasein, weder da Du hier oben weilst, noch wenn Du drunten bist. Aber wissen sie denn mehr von Dem, welchem ihre Gesänge gelten, zu dem sie ihre Lieder hinaufsenden? Sie glauben es. Glauben sie es nur? Nein! Sie wissen es. Zeder Mensch, alle Menschen, auch die es leugnen, wissen, daß ein Gott ist, daß ein göttlicher Geist diese Welt erfüllt, ein göttlicher Geist sie werden ließ und immerfort werden läßt, alle Wesen in ihrem Einzelsein werden, sein und vergehen läßt, ein göttlicher Geist, der seine Schöpfungsgedanken als das Gesetz des Werdens und Seins in das Wesen jedes Dinges gesenkt, oder vielmehr mit diesem iventificirt hat, denn dieses Wesen ist nichts Anderes als der Schöpfungsgedauke selbst. Ja, das wissen alle Menschen, mögen sie es sich so oder so denken. Glauben setzt Zweifeln voraus. Hierin aber ist Wissen, denn der Mensch kann sich seiner garnicht entschlagen, es ist mit ihm geworden und gewachsen und hört nur auf mit ihm. Er sieht diesen Geist in sich, in allen Wesen, in allen Erscheinungen an diesen, in dem Weseuall. Wenn dem aber so ist, warum haben sie denn so verschiedene Begriffe von ihm? Warum geht durch die ganze Geschichte der Menschen ein so erbitterter Kampf um die richtige Vorstellung von diesem Gotte? Weil Wissen und Begreifen sehr verschiedene Dinge sind. Was begreifen wir denn, was vermögen wir zu begreifen, wenn nicht einzelne Eigenschaften an diesem und jenem Dinge? Das Wesen eines Dinges sind wir nicht im Staude zu begreifen, keines lebenden und keines todten Gegenstandes. Begreifst du dich selbst? deinen Bruder? deinen Freund? Begreifen wir das ganze Wesen irgend eines Geschöpfes, und wenn wir es all unser Leben lang studiren? Begreifst du, was Elektricität, allgemeine Schwere oder irgend ein Naturgesetz, eine Naturkraft oder wie wir es benennen mögen, wirklich und wesenhaft ist? Nein, wir wissen es, wir kennen seine Aeußerungen, selbst das Zusammenspiel seiner Kräfte und Organe, seine Wirkungen auf andere Gegenstände, und jemehr wir beobachten und forschen, desto reicher wird unser Wissen werden — aber einen Begriff von seinem Wesen, von dem Wesen irgend Wessen haben wir nicht. Sind also die Vorstellungen von Gott in den Menschengeistern so überaus verschieden, ja selbst verkehrt und falsch, so schließt dies nicht aus, daß wir Alle Ihn wissen. Und was wir nun von ihm denken, uns von ihm vorstellen, ist immer noch groß und bedeutend genug, um uns zu begeistern, um unser Herz zu ihm hinaufzutragen, um Lob und Bitte von unseren Lippen hinaufstrkmen lassen. Ich versenkte mich tiefer in diese andachtsvollen Gedanken, als cs mich daraus erweckte, da der Gesang der Gemeinde verstummte. Ich lauschte. Einzelne harte, schneidende und dann verhallende Töne drangen in mein Ohr. Ich wußte, jetzt hat die Predigt begonnen. Aber ich konnte die Worte nicht auffangen. Dies war mir auch gleichgültig. Ich wurde mißmuthig gestimmt. Was wird es sein? dachte ich mir. Die christlichen Prediger sind jetzt durchgängig nur Theologen, aher keine Prediger. Dogmen, und nichts als Dogmen entfließen ihren Lippen, und auf Grund dieser Dogmen allein vertheilen sie das Heil und das Unheil unter die Menschen; eine kleine Zahl, die sich blind und fest um diese Dogmen in ihrem crassesten Berständniß schaaren, werden selig, und die ungeheuere Mehrzahl der Menschen, weil sie jenen Dogmen gegenüber lau sind, oder sie verwerfen, oder sic bekämpfen, oder sie garnicht kennen, fährt in die Hölle hinunter! Dies ist die ganze Errungenschaft der Theologie nach so vielen Jahrtausenden! Ein Prediger, der Gott und nichts als Gott, der Liebe und Recht predigte, die Gleichheit aller Menschen vor Gott, der in die Seele» der Menschen einzudringen suchte, ihre Falten und Tiefen

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