Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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476 kleines Bethaus fast demolirt. Ja nicht einmal die Schule wurde verschont. Ein um halb 1 Uhr Nachts fallender heftiger Regen und Sturmwind machte dem Unwesen ein Ende. Sonntag um 8 Uhr Früh begann dieser Tanz von neuem, und mit schwerer Mühe gelang es endlich um 7 Uhr Abends die Ruhe wieder herzustellen. Diele Juden wurden schwer verwundet und mehrere sollen sogar, dem Bernehmen nach, als Opfer der Volkswuth gefallen sein. Greise, Frauen und Kinder wurden erbarmungslos in den Gassen und Straßen mißhandelt und mit Füßen getreten, ja förmlich gesteinigt. Der Schaden an Geraubtem und Gestohlenem ist nicht so beträchtlich, als man anfangs vermuthete — doch es wurde geraubt. Beim Uhrmacher F. wurde das Auslagsfenster erbrochen, mehrere werthvolle Uhren geraubt und Bieles zertrümmert. In den Schänken wurden die geistigen Getränke auf die Straße gegossen. Momentan ist die Ruhe so ziemlich hergestellt, doch ist der Geschäftsverkehr gänzlich unterbrochen, weil sämmtliche israelitische Handlungen so lange gesperrt bleiben, bis eine Verstärkung an Militär von Jassy hier eintreffen wird. a. Belgien. Brussel, 7. Juni. (Privatmitth.) Die hies. Stadt, in der sich noch die Aufregung über die Langrand'sche Affaire nicht gelegt hat, ist von einer neuen clericalen Angelegenheit bewegt. Man wird sich erinnern, daß auch in d. Bl. vor Jahren von der in der Kirche St. Gudule jährlich stattfindenden Procession zur Erinnerung an die Verbrennung von fünf Juden vor Jahrhunderten, welche der Hostienentweihung angeschuldigt, und wie selbstverständlich gefoltert worden waren, die Rede gewesen. So allgemein auch, wenn man davon Kunde erhielt, der Unwille war, daß die Kirche noch heutzutage Erinnerungen feierlich begehe, die ihr selbst nur zur Schmach gereichen, und die in Vergessenheit gerathen zu lassen ihre Ehre erfordere: so ließ sich doch nichts dagegen thun, so lange jene Feier sich innerhalb der Wände jener Kirche beschränkte. Jetzt ist es die laut verkündete Absicht des Klerus, die Procession zur Erinnerung an die Judenverbrennung mitten durch die Stadt und mit den dabei üblichen Feierlichkeiten auf den öffentlichen Plätzen vorzunehmen. Der Klerus hat dabei zwei Intentionen; zuerst soll dies die Rache sein, die er gegen die Juden nimmt, weil der Veranlasser jener jüngsten Aufdeckungen im Langrand'schen Proceß, der Redacteur der „Cöte libre" Herr Mandel, ein Jude ist — obgleich dies doch nur Zufall ist. Also immer dieselbe Solidarität! Und dann könnte doch dadurch der Pöbel erhitzt werden, und das wäre Etwas für die bevorstehenden Wahlen. Allein er könnte sich irren. Voran hat sich eine große Opposition aufgethan, und es ist bereits ein Comits zusammengetreten, bestehend aus 47 Katholiken, 2 Protestanten und 1 Juden, welches diese Procession verhindern, zugleich aber durch die Presse, Broschüren und Flugschriften gegen den Klerus und seine nie rastende Aufstachelung des Fanatismus agitiren will. Man frägt sich freilich, ob bei aller Freiheit, welche der Kirche verfassungsmäßig zustcht, doch nicht die Polizei das Recht habe, eine öffentliche Procession zu verbieten, sobald sie die unzweideutige Absicht hat, Skandal und Unruhen zu bewirken und die von der Verfassung nicht minder verbürgte Gleichachtung der Confessionen zu verletzen und den dem Staate so nothwendigen Frieden unter den Confcssionen und den Bürgern überhaupt zu stören. Allein unsere Regierung leidet an keinem Uebermaß von Energie, und hat, obschon sie im Klerus ihren tödtlichen Feind kennt, diesem gegenüber schon so oft eine kaum entschuldbare Schwäche gezeigt, daß man von ihr keine reelle Abhülfe erwartet. Schweden. «Fortsetzung.) ,,Eine solche Stellung muß bei denen, gegen welche die Ausnahmsgesetze gerichtet sind, wehmüthige Gefühle Hervorbringen und solches in desto höherem Grade, je mehr Studien und praktische Wirksamkeit auf den Gebieten, welche ihnen nun erschlossen sind, mit dem Allgemeinen einverleiben, je öfter sie bei der Wahl des tzebensberufes gezwungen sind geringer Aussicht für die Zukunft entweder freiwillig oder im Dienste des Allgemeinen ihre besten Kräfte zu opfern, oder auch auf einem anderen Felde als dem, wohin sie aus innerem Berufe sich gezogen fühlen, ihr Auskommen zu suchen.