Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
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475 —. Die Annahme westrussischer jüdischer Waisenkinder haben ferner angemeldet: ein Israelit in Schalbach l, die Gemeinde von Schalbach 1, von Straßburg 2, von Saverne 1, von Sarreguemines 2, von Neustraschitz (Böhmen, 1 , von Berlichingen 1, von Köln 8, Zotal 61- — Aus Mühlhauscn (Elsaß) meldet man den Tod des verdienstvollen Rabbiners Dreh fuß, der an der Gründung der trefflichen Anstalten dieser Gemeinde, der Arbeitsschule, des Hospitals ff. so großen Antheil hatte, auch manche gute literar. Arbeit lieferte, vorübergehend auch ein kleines israel. Blatt leitete. Er hat es nicht — bis zum Großrabbinen gebracht — ein Beweis, daß auch in Frankreich Amt und Würde nicht immer dem Verdienste gleichkommen. Rumänien. Bukarest, 3. Juni. Wie gewöhnlich auf die Nachrichten und Klagen über Judenverfolgungen läßt die rumänische Regierung Abfchwächungstelegramme ergehen. So auch diesmal. Es wird depeschirt: Auf die erste (?) Nachricht von den Judenkrawallen in Bottuschan sendete die Regierung sofort Truppen dahin. Die Ruhe ist wiederhergestellt. Ein Danktelegramm der Bottuschancr Israeliten an die Regierung ist hier eingetroffen. Uebcr die Ausdehnung des Excesses fehlen noch die Details, doch soll derselbe nicht (?) jenen Umfang gehabt haben, den ihm die ersten Telegramme zuschrieben, und theilweise mit den Wahlumtrieben (?) im Zusammenhänge stehen. Dagegen schreibt man der „dt. Fr. Pr." aus Bottuschan, 30. Mai. Schon seit geraumer Zeit gährt der Haß gegen die Juden in der hiesigen nichtjüdischen Bevölkerung und zeigten sich auch hie und da die Symptome eines herannahenden Sturmes. Namentlich sind cs die Hiesigen Herren Studenten", welche Lorbeern zu finden hoffen, indem sie ohne Unterschied Alles, was Jude ist, maltraitiren. Samstag 28. Mai um halb 9 Uhr Abends rotteten sich die Obgenannten zusammen und eröffneten unter Beihilfe eines rohen Pöbels die „Judenhetze" damit, daß sie einige harmlose Spaziergänger anfielen und insultirten. Hierauf stürzten sie sich wie eine Meute losgelassener Hunde mit wildem Geschrei in jene Gassen, wo die meisten Juden wohnen, und hausten fürchterlich. Kein Fenster blieb ganz. Sie drangen in viele Wohnungen und mißhandelten Alles, was ihnen in den Weg kam. Eine Scene, die schon an Barbarismus grenzt und deren Augenzeuge Schreiber dieser Zeilen war, ereignete sich in einem Häuschen, in welchem der Geschäftsleiter St. mit zahlreicher Familie wohnt. Ruhig und friedlich saß er, als eine schnaubende Rotte auch ihm die Fensterladen zertrümmerte und die Scheiben einschlug. Vergebens flehte der arme Mann, man möge ihn schonen, da er Vater von fünf kleinen Kindern sei und überdies auch seine alten Eltern bei ihm wohnen. Unter Hohngelächter und Flüchen rief man ihm zu: „Jude, komm' nur heraus, damit wir dich beim Barte in der Gasse herumschleppcn!" Mittelst Axtschlägen wurde dann die Thür erbrochen, und die Unmenschen stürzten ins Zimmer, schlugen St., sowie dessen Frau — eine Wöchnerin — derart, daß man fast an dem Aufkommen der Letzteren zweifelt, verschonten auch den 70jährigen Greis und dessen alte, kranke, zu Bett liegende Frau nicht. Und wo war die Polizei? Diese stand hübsch weit davon und dachte sich wahrscheinlich: „Was mich nicht brennt, das lösche ich nicht!" Biele wollen sogar behaupten, daß ein Theil der Polizei mit dem Krawalle einverstanden war. In einer anderen Gasse standen 50—60 handfeste jüdische Burschen, des Momentes harrend, wo auch sie angegriffen werden sollten, um sich und die Ihren zu vertheidigen. Mehrere „der besseren Elaste" ungehörige Herren, die ich nicht nennen will, da man sie hier ohnedies als Aufwiegler kennt, verwiesen die kleine Schaar mit den Worten zur Ruhe: „Wie, ihr Vagabunden wollt euch gar vertheidigen? Seid ihr etwa in eurem Vaterlande?" Auf einen Signalpfiff dieser würdigen Herren wurde diese Schaar Muthiger umzingelt von mehr als 100 Studenten und Gassenjungen. Doch kam cs zu keinem Handgemenge. Höchst wahrscheinlich, weil cs leichter sei, mit Einzelnen zu thun zu haben. Kaum waren die Studenten abgezogen, so begaben sich die Leute — nichts Arges ahnend — in ihre Wohnungen. Eine Viertelstunde später wurde auch hier das Manöver wie in den anderen Gassen wiederholt. Unter Anderem wurde auch der Tempel des Herrn M. Politzer sehr arg mitgenommen und ein zweites