Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226769--28456-3302288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
472 neter Teilnehmer zu bewegen. In der Gegenwart ist es anders. Der Einfluß der gottesdienstlichen Uebungen ist schwächer, und die zersetzende Einwirkung des Lebens und die zerstreuende Gewalt so vieler und bewegender Lebenselemente find starker geworden. Die Religion in der Seele des Individuums wie in der Erscheinung ihrer Gesammtheit bedarf neuer kräftiger Hebel, .um in Einfluß und Wirksamkeit zu bleiben. Diese Hebel liegen ganz besonders in der Literatur, in den immer stch erneuenden und sich wiederholenden Schöpfungen des Geistes. Wer sich derselben entzieht, weist die nothwendige Nahrung für Herz und Verstand ab und wird in sich und und seinen Kindern die religiöse Dürre erfahren, die nothwendig daraus erfolgt. Wenn sie in der Gesammtheit stockt, so ist der Blutumlauf behindert, das Herz klopft matt, der Nervengeist schwindet, das Leben entweicht. Bedauernswerth ist der, welcher das Bedürfuiß nach einem lösenden, belehrenden, erhebenden und begeisternden Worte nicht empfindet und die Augenblicke nicht zu seinen glücklichsten zählt, in welchen sein Geist auf den Schwingen eines anderen, begabten sich zum lichten Himmel der Erkenntniß und zu den unermeßlichen Höhen des lauteren und edlen Gefühles erhob. Und mag sich eine große Erfcheinung in der Menfchenwelt noch so sehr mit dem Purpurmantel einer bedeutenden Vergangenheit umkleiden, fehlt ihr die innere Bewegung des Lebens, die innere Kraft des Geistes, so wird ihre Hand zittern und ihr Fuß wanken und sie in die hinterste Reihe derer zurückweichen, welche der Gegenwart und der Zukunft angehören und die segenwirkende und beherrschende Stellung in der Menschheit einnehmen. Laste daher Niemand diese unsere Aufforderung, das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur durch seine Theilnahme und durch die Befürwortung bei Anderen zu erhalten, zu erweitern, seine Mittel zu vergrößern, seine Wirksamkeit auszudehnen, ungehört und unbeachtet an sich vorübergehen. Das Institut hat die jüdische Literatur bereichert, ihr eine sichere Unterlage gegeben und durch die Möglichkeit, für einen geringen Beitrag eine Anzahl ihrer geistigen Erzeugnisie zu erlangen, sie auch Unbemittelten zugänglich gemacht. Wie mancher Lehrer, der sich nicht blos auf den Bakel und das Schächtmester beschränkt, konnte auf diese Weise durch eine Ausgabe von ö Sgr. den Monat sich nach und nach eine Bibliothek erwerben, welche ihm geistige Nahrung, Aufmunterung und höheres Bewußtsein verschaffte und so wiederum auf seine Schüler wirkte. Wie vielen Individuen unserer Jugend wurde auf diesem Wege eine beffere Kenntniß, ein höherer Begriff von der Religion und der Geschichte ihrer Väter zugeführt, und ihnen dadurch eine Quelle des Lebens eröffnet, die ihnen zu versiegen drohte und zu versanden begonnen hatte. Wie viele Männer, welche die Arbeiten und Sorgen des Lebens bereits weit ab von den religiösen Eindrücken ihrer Kindheit hinweggeführt hatten, empfingen mit Vergnügen diese Eindrücke von Neuem und erfrischten daran die Gcdanken und Gefühle, die ihnen schon abhanden gekommen. Wir wollen diese Betrachtungen nicht weiter verfolgen, geben sie aber wohl denen zu erwägen, welchen die Pflege des Judenthums, die Sorge für oeffen Wirksamkeit überantwortet ist. Jedermann ist berufen, und was von ihm verlangt wird, hat nur geringes Maß.*) *) Es braucht sich ein Jeder nur an den nächstwohnenden Agenten des Instituts zu wenden, und geben wir in einer Beilage das Verzeichniß derselben. Zeituugsuachrichteu. Deutschland. Berlin, l. Juni. (Privatmitth.) Den 22. Mai fand Vas 150-jährige Stiftungsfest des Vereines Hachnossath Kallah statt, das in dem Saal der Gesellschaft der Freunde feierlich begangen wurde. Eine speciell zu dem Feste gedichtete Cantate wurde gesungen. Dr. Cassel hielt die Festrede, die sich mit der Geschichte des Vereins, seiner Berechtigung und seinen Aufgaben beschäftigte. Abends war Fesllnahl und Tanz. Berlin, 3. Juni. (Privatmitth.) I). Es ist bereits erwähnt worden, daß von hiesigen Orthodoxen eine Petition an den Cultusminister von Mühler gerichtet worden, ihnen zu gestatten, eine Separatgcmeinde zu bilden, d. h. ohne daß sie an die eigentliche Gemeinde Beiträge zu zahlen hätten. Wir wissen noch nicht, inwieweit der Minister aus Grund des Ju-