Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1870)
- Date
- 1870-06-14
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226769--28455-3302287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
471 schmuckreichen Gesimsen auf, sondern sie bedarf kräftigen Mauerwerks, starken und gut ausgefüllten Fachwerks und hierzu wieder gesunder Materialien und des bindenden Mörtels. Das Institut hat es daher niemals übernommen, nichts als vollendete Meisterwerke zu liefern, nichts als völlig untadelhafte Erzeugnisie des höchsten Geistes, des vollendeten Geschmackes; sondern nur nach bestem Wissen und Gewissen tüchtige Arbeiten, welche vorhandene Lücken ausfüllen, welche Kenntniß und Liebe des jüdischen Geisteslebens, des Judenthums, seiner Geschichte und seines Inhaltes verbreiten, welche belehren und unterhalten, immer mit dem Zwecke, anzuregen, zu unterrichten, zu beseelen. Nun mag auch dann und wann ein Mißgriff geschehen, hier und da ein weniger gelungenes Werk mitunterlaufen, aber daß das Institut seinen Zwecken genügt, dafür liegt der Beweis in seinem Bestände, dafür in der Zahl und den Namen der Autoren, die ihm ihre Werke anvertraut haben. Dieser bedeutsamste Punct, die angemessenen Arbeiten auszuwählen, hat seine großen Schwierigkeiten, und zwar in dem Wesen des Instituts selbst. Die Werke, die es liefert, müssen zum größeren Theile einen wissenschaftlichen Inhalt und Charakter haben; aber Gegenstand und Form dürfen durchaus dem größeren Publicum nicht entlegen und fremdartig sein. Specialitäten, welche nur für einen kleinen Kreis von Gelehrten, oft nur für ein oder zwei Dutzend derselben, Interesse haben, darf das Institut, und wenn sie noch so großen wissenschaftlichen Werth besitzen, nicht, oder doch nur selten bringen. Die großen Kosten für Tausende von Exemplaren verwenden, um nur ein halbes Hundert Exemplare nutzbar zu machen; dabei zugleich Tausenden von Abonnenten Bücher zu liefern, die ihren Erwartungen durchaus nicht entsprechen, die ihnen Steine statt Brodes dünken, wäre nicht zu verantworten. Das Gebiet für den Absatz der jüdischen Literatur ist so beschränkt, und die Mittel, welche selbst das betreffende Publicum darauf zu verwenden gesonnen ist, sind so gering, daß die höchste Aufmerksamkeit und Sorgfalt erfordert wird, um sie zu erhalten. Wir sind daher oft genöthigt, Arbeiten zurückzuweisen, die wir aus anderen Gesichtspuncten hochschätzen, und mit dem Unangenehmen, dies thun zu müssen, verbindet sich dann leider in den meisten Fallen, wie überhaupt bei allen Ablehnungen, der Unwille, ja die Feindseligkeit der Autoren, von denen sich mancher bei Gelegenheit zu rächen sucht. Wir könnten Vieles hiervon erzählen, Manches aufdecken, wenn wir nicht die Pflicht der Discretion höher achteten, als von der anderen Seite die Pflicht der Gerechtigkeit geachtet wird. — Wir haben deshalb auch eine Reihe von Entwürfen, von wichtigen Aufgaben, welche die jüdische Literatur noch zu lösen hat, veröffentlicht, die wir hier, weil sie zerstreut mitgetheilt worden, zusammenstellen wollen, ohne die weitere Motivirung und Ausführung hinzuzufügen. Es sind: 1) die jüdische Ethik in ihrer geschichtlichen Entwickelung; 2) eine jüdische Literaturgeschichte; 3) eine Zusammenstellung allerhistorischen Notizen in unseren nachbiblischen Schriften, in beiden Talmuden, in den Midraschim und in den Kirchenvätern, in treuer Uebersetzung und mit Angabe wo sie sich finden; 4) eine Darstellung des philosophischen Denkens bei den Juden; 5) eine gründliche talmudische Lexicographie; 6) eine Geschichte des jüdischen Cultus; 7) eine Entwickelung der Ansichten über das Judenthum innerhalb der christlichen Welt; S) die Uebersetzung und Ueberarbeitung von Munk's Palestine. Wir werden fortfahren, uns über solche bedeutende Themata unserer Literatur auszusprechen. Bon den obigen Entwürfen wird Nr. 8 bereits in diesem Jahre und zwar durch Herrn Professor Dr. M. Ä. Levy in Breslau ausgeführt, und Nr. 2 hat ein rühmlichst bekannter jüdischer Gelehrter übernommen, so daß der erste Theil im nächsten Jahr erscheinen wird. Wir wenden uns daher mit um so größerer Freudigkeit dem eigentlichen Zwecke dieser Ansprache an das gesammte jüdische Publicum zu, nämlich dem: seine Theilnahme, sein Interesse, feine Förderung und Unterstützung für das Institut immer mehr auszurufen. Gerade weil die Wirksamkeit des Instituts soeben wieder einen factischen Triumph gefeiert hat, wir also in voller Befriedigung an das Publicum herantreten können, glauben wir berechtigt zu sein, es zu noch lebhafterer Betheiligung auffordern zu dürfen. Ohne Literatur vermag niemals, vermag aber in unserer Zeit am wenigsten irgend welchem Dasein die volle Blüthe und heisame Frucht zu ersprießen. Wo Leben ist, da muß es sich in den Erzeugnissen des Geistes kundthun und Gestaltung gewinnen. Und diese Wirkung wird sofort wieder zur einflußreichsten Ursache, die Fortexistenz reich und voll, stark und kräftig zu machen. In füheren Zeiten, wo das Leben einfach und in gewohnten Geleisen vor sich ging, konnte die Masse des literarischen Lebens, der literarischen Nahrung entbehren, und die höhere geistige Forschung, der geistige Kampf brauchte sich nur in dem Kreise der Fachmänner und ausgezeich- 24*