Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1870)
- Date
- 1870-06-07
- Page
- Seite 468 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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468 behaupten zu wollen, Philippson laste sich von der Revolutionspartei verwenden. Das war der Fluch der österreichischen Polizei, sie hat sich stets um die hohe Politik bekümmert, und hat Dinge gesehen, von denen kein Mensch etwas wußte. Hingegen hat sie Dinge, von denen sie Kenntniß haben sollte und mußte, gänzlich übersehen. Daher kommt es auch, daß das Publicum förmlich eine Scheu hat mit der Polizei in Berührung zu kommen. Und obschon sich in letzter Zeit manches gebesiert hat, so ist diese Scheu noch nicht ganz überwunden. Bedenkt man überdies, daß Oesterreich damals, sowie heute andere Fragen zu lösen hatte, so wird man es scurril finden, wenn eine derartige Angelegenheit zur amst: celebre gemacht wird. Doch kehren wir jetzt zur Sache zurück. In Uebereinstimmung mit vem Chef ver obersten Potizeibehörde erließ der Minister des Innern, Freiherr v. Bach, an die Statthalter die Weisung, daß es durchaus angezeigt erscheine, jeder wie immer gearteten Verbindung des Dr. Philippson mit dem Inlands somit auch der Theilnahme oder wohl gar der Werbung für die von ihm zu gründende israelitische Literaturgefellschaft entgegen zu treten. Trotz alledem kamen die Bücher des Institutes unbeanstandet nach Wien und überhaupt nach Oesterreich. Die Revisionsbehörde, respective die Censur, hatte nichts dagegen einzuwenden und die Abonnenten in Wien wurden durchaus nicht behelligt. Möglicherweise wollte man hier den Eclat vermeiden, da sich unter den Abonnenten die ersten Banquierfirmen und auch die verstorbene Baronin Rothschild befand, was der Polizeibehörde nicht unbekannt war. Es wurden eben Gesetze gegeben, die man nicht gehalten hat, was nicht von der Weisheit der Gesetzgeber Zeugniß ablegte. Wenn aber auch die Bücher nach Wien kamen, so bestand nichtsdestoweniger ver Ministerialerlaß, und es hing von dem guten Willen des Beamten ab, ob er darnach handeln wollte oder nicht. Ich schritt daher im Jahre 1859 neuerdings beim Polizeiministerium ein und am 23. December des genannten Jahres erhielt ich den Bescheid, daß nichts gegen das Abonnement auf die Bücher des Institutes einzuwenden sei, welches die Allgem. Zeitung des Judenthums in einer der ersten Nummern des Jahres 1800 veröffentlichte. Somit war der Alp vom Institute genommen. Heute mögen wohl die Herren, von welchen der Erlaß ausgegangen ist, die noch am Leben sind, über ihre Staatsweisheit selber lächeln. Oesterreich ist bis auf den heutigen Tag noch nicht zu geregelten Zuständen gekommen. Welche Wechselfalle demselben aber auch noch bevorstehen mögen, die Wiederkehr derartiger Zustande halten wir für unmöglich. Correspondenz. Randers (Jütland), im Mai. Am 19. d. M. wurde in hiesiger jüdischer Gemeinde ein seltenes Fest gefeiert, indem Herr Nathanson und Frau an diesem Tage ihre Diamant-Hochzeit in ungeschwachter Gesundheit begingen. Schon am frühen Morgen waren fast sämmtliche Häuser der Stadt, sowie . alle im hiesigen Hafen liegenden Schiffe mit Flaggen geschmückt. Um 10V> Uhr wurde ein Gottesdienst in hiesiger Synagoge, welche von einer dichten Menschenmenge, worunter alle Honoratioren sich befanden, fast überfüllt war, abgehalten. Der Gottesdienst begann mit einem zu diesem Zwecke verfaßten Gesänge, der von unserm Cantor, Herrn I. Bakhaus, unter Begleitung eines Harmoniums und eines starken Männer- und Damenchors ausgeführt wurde. Hierauf bestieg unser Rabbiner, Herr vr. Wreschner, die Canzel und hielt in seiner gewohnten Beredtsamkeit eine ergreifende Rede. Zum Text wählte er Spr. 16, 31. Nach ver Predigt wurde wiederum ein dänischer Psalm gesungen, worauf Herr Cantor Bakhaus Adon Olom recitirte. Des Abends musicirte auf Befehl des Commandeurs die Regimentsmufik und verschiedene christliche Musikvereine brachten dem Jubelpaar Serenaden. H. A. Vermischtes. In diesen Tagen starb zu Prag in einem Alter von 89 Jahren an Altersschwäche Herr Moses Porges von Portheim, der vor einigen Jahren in d. Bl. erwähnt ward, weil er in feiner Jugend den Frankiste n angehört hatte und man ihn um Auffchluß über dieselben ersuchte. Daß er diesem Verlangen genügt habe, ist uns nicht bekannt geworden. Anekdote. Neulich trat in Pest Herr Adolph Sonnenthal vom Wiener Burgtheater in Don Carlos als Marquis Posa, Herr Altmann von eben daher als König Philipp aus. Beide Herren bekennen sich bekanntlich zur mosaischen Religion. Als nun Marquis Posa auf die Frage König Philipps: „Ihr seid Protestant?" die nachdrucksvolle Phrase sprach: „Ihr Glaube, Sire, ist auch der meinige", da brach das übervolle Haus in schallendes Gelächter aus. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. D. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.