Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-07 · Heft 23 (7.6.1870) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 23 (7.6.1870)
Date
1870-06-07
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226768--28450-3302281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage zur Allg. Ztg. des Judenthums. No. 23. An die JsraeMen in Ein ergreifendes Wort der Alliance israllite universelle in Paris fordert die Glaubensbrüder auf der ganzen Erde auf, sich an der Adoption der Waisen unserer westruff. Glaubensgenoffen, an diesem so menschenwürdigen, heilverheißenden Werke eifrigst zu betheiligen. — Endlich soll mein liebster Wunsch, mein eifrigstes Streben zu Gunsten dieser Unglücklichen sich seiner vollen Verwirklichung nähern. Möge darum auch mir ein Wort in dieser hochwichtigen Angelegenheit vergönnt sein, für die ich gesprochen und gewirkt, seitdem ich dem Elende der unglücklichen Glaubensgenoffen meine Kraft und Zeit zu widmen angefangen, da ich die Sache mit all der Gründlichkeit, welche nur die Autopsie gewahrt, kenne und beurtheile. In keinem Lande der Welt trifft man verhaltnißmäßig so viel unversorgte Wittwen und unmündige Waisen als in diesen jüdisch - westrussischen Bezirken. Mißstande aller Art, verbunden mit den Ueberanstrengungen und Entbehrungen, welche sie sich zur Erwerbung ihres dürftigen Lebensunterhaltes auferlegen müssen, raffen die Männer in ihren besten Jahren hin. Es giebt kaum eine Familie, deren Versorger nicht gleichzeitig zwei bis drei Wittwen und ihre zahlreichen Waisen theilweise mit zu ernähren hat, darunter auch viele sg. „Almonaus Chajaus" sich befinden, deren Männer gar nicht am Orte, vielleicht Gott weiß wo? sich aufhalten und für ihre Frau und Kinder nichts thun können. Biele Wittwen und Waisen haben auch gar keinen Versorger und Ernährer; sie arbeiten und betteln sich durch so gut es geht. Am unglücklichsten und elendesten sieht man oft die Kinder derjenigen Familien, deren beide Eltern noch leben, deren Vater aber, arbeitsunfähig, selbst der Fürsorge bedarf. Am meisten rührt jedoch das Elend der Kinder, die eine bessere Erziehung und Pflege genoffen, deren Eltern noch vor einigen Jahren vielvermögende Geschäftsleute gewesen, jetzt aber so sehr verarmt sind, daß sie den Ihrigen nicht mehr Brod zu essen und Kleider anzuziehen geben können; und die Zahl dieser, theilweise gründlich gebildeter Kinder, ist eine sehr große. Mögen Zeiten und Ernten noch so günstig sich gestalten, solch ein Jammer und Elend bleiben davon unberührt. Der Rabbiner Hessel Eliassohn aus Sejny in Polen schreibt in dieser Beziehung an mich: „Es ist wahr, die Europa und Amerika. Ernte war in diesem Jahre gut, Brod ist vorhanden, aber nicht für unsere Wittwen und Waisen, deren Zahl noch durch die unglücklichen Frauen und Kinder vermehrt wird, deren Versorger in Folge der strenger gehandhabteu Recrutirungsgesetze zum Kriegsdienste gezwungen sind, oder sich diesem durch die Flucht entzogen haben. Der Tod hat in unserer Gegend in den verflossenen Jahren besonders unter den Männern eine reiche Ernte eiugebracht. 2n einem nahegelegenen Dorfe wohnten vier Brüder, die sind im verflossenen Winter sammt ihren Frauen in einem und demselben Monat gestorben und haben — Ersetzen ergreift Jeden, der es hört — fünfundzwanzig unmündige und unversorgte Waisen hinterlaffen." Was nun das Resultat der Erziehung betrifft, so weiß ich darüber auch schon ein Wort aus Erfahrung zu sprechen. Ich habe gegenwärtig hier 24 Handwerkerlehrlinge untergebracht. 1 Buchbinder, 3 Goldarbeiter, 3 Kürschner, 1 Schneider, 4 Klempner, 1 Lithograph, 5 Schuhmacher, 1 Cigarrenarbeiter, 1 Tischler, 1 Sattler, 1 Hutmacher und 2 Mädchen, welche Schneiderinnen werden. Es hielt anfangs sehr schwer, die von der Straße aufgelesenen, entsetzlich elenden Kinder unterzubringen. Bald aber bewarben sich die besten Meister auf das eifrigste. Die Knaben zeigten sich fleißig, intelligent, lernbegierig, anstellig und reinlich. Jeden Sabbath haben sie Unterricht im Hebräischen — darin Manche, selbst im Talmud, sehr tüchtig sind — und jeden Sonntag im Deutschen, zu welchem letzteren Unterrichte sie sich wahrhaft drängen und trotz der wenigen Stunden tüchtige Fortschritte machen. Trotz der vielfachen Unarten Mancher, vermöge welcher sie mir immer noch viel zu schaffen machen — man vergesse nicht, daß es gänzlich verwahrloste Kinder ohne jegliche Erziehung waren — hat ihr äußeres und inneres Wesen schon eine ganz andere und menschenwürdigere Gestalt angenommen. Am erfreulichsten ist das Streben vieler nach Reinlichkeit, ja einer gewissen Eleganz. Als ich am ersten Pesachabend zum Gottesdienste kam, fiel mir sofort die blendend weiße Wäsche eines Theils meiner Handwerkerlehrlinge in's Auge. Woher diese, da ihnen bisher doch nur grobe Arbeitshemden geliefert worden waren? Es waren einfach Papierkragen und Chemisetten, welche sie sich für wenige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.