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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-07 · Heft 23 (7.6.1870) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 23 (7.6.1870)
Date
1870-06-07
Page
Seite 467 (sequence 19)
Language
German
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467 Immer fand ich aber, daß eine allgemeine Meinung auf den Zustand der Dinge an einem Orte die geradezu beherrschende ist. Ich war deshalb sehr überrascht, als ich eine längere Zeit in katholischen Landern Mittel- und Süddeutschlands verweilte. Hier fand ich bis auf einen Bruchtheil die gesammte untere Volksmasse noch von ausgeprägtem kirchlichen Sinne, und den Einfluß der katholischen Geistlichkeit in einem Maße stark, von dem man in Norddeutschland gar keinen Begriff mehr hat. Man hält deshalb daselbst schon-für todt. was noch in überaus regem Leben pulsirt. In jenen Landschaften wird darum von der allgemeinen kirchlichen Richtung auch die Classe der sogenannten Gebildeten beherrscht, und nicht diese allein, sondern auch die unter der katholischen versprengte evangelische Bevölkerung. Diese ist in den katholischen Ländern ebenfalls sehr fromm, zum Theil schon, um den Katholiken nicht eine Rechtfertigung zu " bieten, wenn sie den Ketzern die Religion, das Christenthum überhaupt absprechen wollten. Die Glocken schwiegen; unter mir begann vie Orgel ihre vollen Klangströme zu ergießen; bald erhob sich auch der Gesang der Gemeinde. Dies machte einen eigenthümlichen Eindruck auf mich in meiner Höhe und regte eine ganze Reihe von Gedanken in mir auf. lForrsetznng folgl.) Aus trübcr Zeit. Bon G. Wolf in Wie n. Ich würde folgende Zeilen nicht veröffentlichen, wenn es sich blos um ein persönliches Interesse handeln möchte. Die Mittheilungen, die ich zu machen beabsichtige, werfen jedoch ein helles Schlaglicht auf die Verhältniffe Oesterreichs zur Zeit, als das Concordat im Anzuge war und als es dann wirklich abgeschlossen wurde, wo Säbel und Krummftab die Herrschaft im Kaiserstaate hatten, und jene Zustände herbeiführten, an welchen wir heute leiden, und wohl noch lange Zeit zu leiden haben werden. Als das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" von meinem verehrten Freunde, Sr. Ehrwürden dem Herrn Rabbiner Dr. Ludwig Philippson begründet wurde, ersuchte er mich und meinen geehrten Freund, Herrn Dr. C. A. Frankl, für daffelbe hier zu wirken, und wir kamen diesem Wunsche nach, um eine wahrhaft gute Sache zu fördern. Um jedoch ganz cvrrert vorzugehen, wendete ich mich an den Chef des Preßbureaus bei der Polizeidirection. — Herr Dr. I. N. Berger, damals Hof- und Gerichtsadvocat, jetzt Minister a. D., hatte die Güte mir eine Empfehlung an einen Beamten der genannten Behörde zu geben, der mich dem Chef vorstellte — und fragte, ob es gestattet sei, Abonnenten für dieses werdende Institut zu werben. Ich erhielt zur Anwort, daß das Preßbureau um so weniger etwas dagegen einzuwendev habe, denn für den Fall, daß die Bücher Bedenkliches oder gar Staatsgefährliches enthalten sollten, so würden sie ohnedies von dem Bücherrevisionsamte zurückgehalten werden. Ich glaubte also mich genügend salvirt zu haben, und Herr Dr. Frankl und ich warben Abonnenten für das Institut. Die Bücher erschienen und sie wurden anstandslos von dem Revisionsamte ausgefolgt. Eines Tages kam mir die Nachricht von einem Lehrer in Galizien und bald hernach von einem aus Böhmen, daß bei ihnen wegen des Besitzes dieser Bücher Haussuchungen stattgefunden hätten und daß sie allen Chicanirungen ausgesetzt seien. Ich wurde gebeten, mich in dieser Angelegenheit zu verwenden, und zwar beim Ministerium des Innern, da von dieser Behörde der betreffende Erlaß ergangen sei. Ich erkundigte mich sofort nach dem Referenten und erfuhr, daß dies Beruh, von Mayer sei, ein Ultramontaner vom reinsten Wasier, der von der Schweiz, wo er Stadtschreiber war, hierher berufen wurde. Ich stellte mich demselben vor, theilte ihm mit, daß ich den Chef des Preßbureaus über diese Angelegenheit befragte und dieser mir sagte, es sei nichts dagegen einzuwenden. Ich erklärte ihm ferner, daß ich selber nicht bloß Abonnent sei, sondern auch zum Abonnement Andere veranlaßt habe, wenn dieser Vorgang strafbar sei, so müsse man sich auch gegen mich wenden :c. Ich wies ferner darauf hin, daß einer der Leiter des Institutes — zu jener Zeit — der Prediger der israelitischen' Cultusgemeinde, Herr Dr. Jellinek sei. Herr Ministerialrath Mayer meinte jedoch, die Sache sei nicht so arg gemeint rc. :c. Wie ich jedoch später erfuhr, war die Sache allerdings sehr arg gemeint. Der Chef der obersten Polizeibehörde, Feldmarschalllieutenant Kempen, war nämlich der Ansicht, daß jeder, wie immer gearteten Verbindung des Dr. Philippson mit dem Jnlande, daher auch der Theilnahme oder wohl gar Werbung für die von ihm zu gründende Gesellschaft direct entgegen zu treten wäre, indem er als Gründer dieser Gesellschaft im Verdacht stehe, als Emissär der Revolutionspartei sich verwenden zu lassen. Deshalb ging auch an die auswärtigen k. Missionen der Auftrag, dem Dr. Philippson das etwa nachgesuchte Visum zu verweigern, unv die betreffenden Statthalter wurden angegangen die Verfügung zu erlassen, demselben, falls er demungeachtet an der österreichischen Grenze erscheinen sollte, den Eintritt in das österreichische Gebiet nicht zu gestatten. Wer Herrn Dr. Philippson nicht kennt, muß wohl glauben, daß dies eine Persönlichkeit :> la Kossuth oder. Mazzini sei, wenn derartige drakonische Maßregeln gegen dieselbe in Scene gesetzt werden. Die Wirksamkeit Philippson's liegt jedoch seit einigen Jahrzehnten vor aller Welt frei und offen. Wir wollen nicht hervorheben, welche Verdienste derselbe gerade um die österreichischen Juden hat; — aber es gehört, wir haben keinen parlamentarischen Ausdruck dafür, Blödsinn dazu,

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