Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1870)
- Date
- 1870-06-07
- Page
- Seite 466 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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466 gende Brandglocke ihre dumpfen Töne in das Ohr der Schläfer sandte; oder jener Furcht, welche die Phantasie des Knaben erfüllte, wenn er in der ausführlichen Beschreibung der französischen Revolution las, wie das Volk den Tocsin, die Sturmglocke zog, um den wild aufwogenden Aufruhr der rohen Massen noch starker anschwellen zu machen, noch blutgieriger zu stimmen; oder jenes schmerzlichen Mitgefühls, um so schmerzlicher, weil das Bewußtsein, nicht helfen zu können, damit verknüpft war, wenn wir Kinder auf den Wallen am Elbstrom standen, der die Niederungen in plötzlichem Anwachs überschwemmt und hie und da die schützenden Dämme drrchbrochen hatte und von den schwerbedrohten oder schon betroffenen Dörfern die wimmernden Klange der Sturmglocken durch die stille Luft hinübergetragen wurden .. . Mit den menschlichen Dingen, mit allen verhalt es sich ja so, daß ein und dasselbe bald Freude, bald Leid bedeutet, bald das Herz mit fröhlichem Jubel füllt, bald mit sengendem Schmerz. Kaum hatte das Geläute des Domes, auf desien Thurme ich mich befand, begonnen, so erhob es sich auch von den fünf oder sechs Pfarrkirchen der Stadt, und es fand nun ein Zusammenbrausen der Töne von allen Seiten her statt. Aber die Grundstimmung der Glocken mußte doch wohl ein und dieselbe sein, denn sie tönten alle harmonisch zusammen und nur eine sandte schrille und durchdringende Klänge hinein: es war die kleine Glocke der mäßig großen Marienkirche, der einzigen katholischen in der großen Stadt und der weiten Landschaft rings um sie. Ich mußte diesen einen Mißklang wohl gewahren, und er brachte in schnellem Uebergang eine Reihe von Gedanken in mir auf, die mir seit langer Zeit fern gewesen. Daß ich es kurz sage: ich dachte daran, wie Vorurtheile, die man in der Kindheit in sich aufnimmt, durch das ganze Leben nachklingen und unangenehm, oft der Wahrheit sehr hinderlich, bis zum spätesten Alter wirken; und ferner: wie Minoritäten immer schlimm daran sind, denn die Mehrheiten machen sich gar nichts daraus, statt die Festigkeit und Standhaftigkeit zu bewundern, jene noch mit Nichtachtung und Schmach zu umgeben. Meine Baterstadt, in dem weit überwiegenden Theile ihrer Bevölkerung lutherisch, umschloß auch einen kleinen Rest einer katholischen Colonie. Der frühere, sehr tolerante und aufgeklärte Fürst hatte ihr in einer entlegenen stillen Straße eine kleine Capelle, eingezwängt zwischen Bürgerhäusern, erbaut. Aber die lutherischen Einwohner hegten die schmählichsten Vorurtheile wiver ihre katholischen Mitbürger, und es war natürlich, daß jene auch von der zahlreichen jüdischen Bevölkerung getheilt wurden. Bei unseren Aeltern mag dies wohl wenig der Fall gewesen sein, denn man sorgte damals von Seiten der christlichen Bewohner noch sehr dafür, daß die Juden sich vom Joche der Vorurtheile frei machten, indem man die Bitterkeit solcher sie von allen Seiten empfinden ließ. Aber wir Kinder waren ganz davon befangen, und erzählten uns so viel von den geheimnißv ollen Ceremonien des katholischen Gottesdienstes und von der Gehässigkeit der Katholiken gegen Andersgläubige, daß wir, wenn wir zufällig einmal in jene stille, kaum dann und wann von einem Fuße betretene Straße geriethen und vor der schmalen Fronte der Capelle vorübereilten, sehr scheue Blicke auf sie warfen — natürlich nur immer von der entgegengesetzten Seite der Straße, denn dicht an ihr wären wir um keinen Preis vorübergegangen — als ob uns schon damals die Ahnung der Mortarageschichten im dunklen Hintergrund der Seele gelegen — und froh waren, wenn wir die Pforte der Capelle geschlosien sahen. Nun, es war noch die^Zeit schroffer Trennung der Confessionen, obschon man bereits 1815 oder 1810 zählte, wenigstens in den Mittel- und Landstädten. Das Nivelliren war noch nicht so weit gediehen, um z. B. in meiner Baterstadt den Juden zu erlauben, außerhalb des ihnen angewiesenen Ouartiers, wo sie freilich mit Christen untermischt wohnten, zu wohnen, obgleich dadurch der größere Theil der Stadt ihnen verschloffen war, und dies zu bedeutendem Nachtheile der Hausbesitzer und des Bodenwerthes in jenen anderen Theilen, die dadurch still und verkehrlos waren. Die Katholiken durften sich über jene Vorurtheile darum nicht beklagen, weil es den Protestanten in d e n Ländern, die vorwiegend oder ganz von Katholiken bewohnt waren, ebenso ging, und uns Juden überall. Zwei Gegenstände des Schreckens und der Beängstigung gab es damals für die Jugend, wenn nicht für alle Bewohner der kleinen norddeutschen Staaten: einen katholischen Geistlichen und einen preußischen Soldaten, Gensdarm oder Beamten. Denn letztere waren durch ihre Schroffheit und unbeugsame Härte den Bewohnern eines Kleinstaates um so furchterregender, als diese mit ihren Beamten auf dem Fuße der Gevatterschaft standen und sich mit ihnen freundlichst zu benehmen verstanden. Ich erinnere mich sehr wohl, mit welcher Scheu ich noch als großer Junge auf einer preußischen Landstraße zum ersten Male einem preußischen Gensdarm begegnete und in der nächsten Stadt vor einem preußischen Wachtposten vorüberging. Schier wunderte ich mich damals, daß mich der Erstere nicht anhielt, der Andere nicht arretirte, so unschuldig und legitimirt ich auch war. Das liegt nun längst schon hinter uns, aber das Leben zog doch für diese Vorurtheile Nahrung aus Dingen und Vorgängen, die, waren jene nicht vorhanden, gar keine Veranlasiung dazu geboten hätten. Als ich jetzt hinunterblickte, gewahrte ich, daß der große Platz drunten vom Gewühle ziemlich leer geworden , daß aber ein breiter Streifen Menschen nach den geöffneten Kirchenthüren sich hinzog. Drüben an der Marienkirche war dies auch der Fall, aber in einem geringeren Maße. Im Ganzen war die heranströmende Menge nicht sehr reichlich. In den norddeutschen Ländern findet nur ein geringer kirchlicher Sinn statt, zumal in den größeren Städten, der Kirchenbefuch ist sehr schwach, seitens der unteren Klaffen verhältnißmäßig am schwächsten, und der Einfluß der Geistlichkeit sehr beschränkt.