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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-07 · Heft 23 (7.6.1870) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 23 (7.6.1870)
Date
1870-06-07
Page
Seite 465 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Leilage zu Ar. 83. Leipzig, den 7. Juni 1870. Betrachtungen vom Thurme. Ich hatte vergessen, daß es Sonntag war. Plötzlich begannen unter mir die Glocken zu läuten, die zum Gottesdienste riefen. Ich erschrak nicht wieder; diese Glocken befanden sich in einem andern Thurme und sie fingen erst leiser an, um bald in ihren vollen Schlagen auszutönen. Wenn ich in einer Stadt lauten höre, so weiß ich, ob ich in einer katholischen oder protestantischen mich befinde. Ich' gestehe, daß es oft einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, wenn am Oster- oder Pfingstmorgen oder an den christlichen Winterfesten früh um fünf Uhr der volle Klang ver Glocken durch das Schweigen des Morgens ertönte, und in breitem Strome der Klangwellen über die Stadt und die Umgebungen dahin floß. Der Glockenklang hat mehr vom Naturals vom Kunstlaute an sich; er ist melodisch, und wiederholt sich nur in denselben Tönen wie es auch der Vogelfang, selbst der der Nachtigall thut. Mir ist daher jedes künstlich geordnete Glockenspiel zuwider und ich erinnere mich, wie lästig mir ein solches ward, als ich in meiner ersten Studienzeit dicht neben dem Glockenspiele in der Klosterstraße zu Berlin wohnte, und alle halbe und ganze Stunden dieselbe steife Melodie aus dem ehernen Munde hören mußte, bis die Gewohnheit mich dagegen abstumpfte. In katholischen Städten aber wird Tag für Tag so oft und so viel geläutet, daß jeder Eindruck verloren geht, bis man es glücklicherweise zuletzt gar nicht mehr hört. In der That entsinne ich mich einzelner Momente, wo das Läuten einer Glocke einen ganz besondern Eindruck auf mich übte. Wenn man in der Schweiz etwa durch eine enge Felsenschlucht schreitet, wo nur das Gemurmel eines abschüssigen Baches das tiefe Schweigen der Natur belebt, um eine scharfe Klippenecke biegt, und nun ein freundliches Thal, umgürtet von waldigen Höhen, hinter welchen wieder schneebedeckte Riefen himmelansteigen, vor den Augen des ermüdeten Wanderers sich öffnet, und von weit her über die grünen Wiesen, die zerstreuten Menschenwohnungen und die Föhrengebüsche ertönt das Glöcklein einer Capelle: wie trifft dies das Gemüth mit freudiger Erhebung, mit einem traulichen Anruf, mit der Gewißheit hier irgendwo eine Stätte zur Rast zu finden. Oder wir weilen auf dem Lande, dem wir aus der ummauerten Stadt in der Gluth des Sommers zugeeilt sind, und sitzen in einer Laube oder unter dem Schattendache einer weit sich zweigenden Ulme, die Sonne aber sinkt im Westen nieder und umsäumt den klaren Himmel mit Purpurwölkchen, Friede und Ruhe sind über die Fluren gebreitet, deren reifender Segen auch den kommenden Winter zu sichern verheißt, und nun ertönt aus dem Dorfe die Abendglocke und zugleich mischen sich die Glöckchen der heimkehrenden Heerden hinein — welche weihevolle Feier zieht da in unsere Brust ein, welche mild erhabene Ruhe, daß das Auge fick zum lichten Himmel erhebt, und die nahende Nacht befriedigt erwartet, die ja auch ihren dunkeln Mantel mit den strahlenden Sternen schmucken wird. Noch eine Erinnerung. Ich zog mit der Gattin und einem nun auch verstorbenen Freunde auf das Plateau des Niederwalds am rechten Rheinufer. Es war ein herrlicher Morgen mit goldenem Sonnenschein und milder Kühle. Auf den Blattern der Waldbäume glänzten noch die Tropfen eines mitternächtigen Gewitterregens. Auf den wohlgepflegten Pfaden schritten wir freudig dahin und traten hier und da, wo eine lichte Stelle den Blick in die Weite und Tiefe gestattete, an den Rand des Höhenzuges, um den grünen Rheinstrom mit der Insel, ans welcher der Mäusethurm steht, die jenseitigen Höhen mit den Ruinen der Ritterburgen und dieffeits der Felsen die weite sich ausdehnende Ebene mit weinbekränzten Hügeln zu sckauen. In dem Walde sangen die Vögel, und einzelne Nachtigallen hauchten ihre süßen Melodien aus. Da mischte sich plötzlich der Klang eines Glöckleins aus der Capelle irgend eines jenseits liegenden Dörfchens mitten hinein und sandte hell und klar und doch mild und freundlich seine Töne über den breiten Strom, die Höhen hinan durch den Wald. Wir waren alle drei ergriffen, blieben stehen und lauschten einige Zeit auf den Zusammenklang des Vogelfangs und der Glockentöne . . . Eigen ist es, daß mir bei allen diesen Erinnerungen nicht ein einziges Bild jenes Schreckens, jener furchtbaren Beängstigung vor die Seele trat, welche besonders in früheren Zeiten die Hörer ergriffen, wenn mitten in der Nacht die plötzlich anschla-

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