Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1870)
- Date
- 1870-06-07
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226768--28439-3302270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
458 Schweden. Stockholm, im Mai. (Privatmitth.) Ref. wartete mit der Fortsetzung seines Berichtes (s. Nr. 10 d. Blch damit er über das Schlußresultat der Reichstagsverhandlungen und die unmittelbaren Folgen desselben Näheres mitzutheilen im Stande sei. Am 8. April bestätigte Se. Maj. der König die Beschlüsse beider Kammern und die Emancipation der Juden in Schweden hat somit gesetzliche Geltung erlangt. Schon nach einigen Tagen berichteten die Zeitungen von einer Ovation seitens der Juden, die den Letzteren nur zur Ehre gereichen muß. Schon im Januar 1866, kurz nach der großen Veränderung des Reichstages, der statt der sich hemmenden vier Häuser das Zweikammersystem erhielt, tauchte die Idee auf, außer den beiden Landesunivcrsitäten in Upsala und Lund eine dritte in der Hauptstadt zu errichten. Schon damals flössen zu diesem Zwecke reichliche Beiträge, und jüdische Namen fehlten natürlich unter den Spendern nicht. Nach oben erwähnter Bestätigung brachten die Zeitungen folgende Mittheilungen mit Beziehung auf den Universitätsfonds. Die beiden Brüder Philippson in Norrköping gaben zu diesem Zwecke ein Jeder 3000 Thaler. Herr Wahren daselbst 1000 Thaler. Die hiesige Gemeinde übergab 17,200 Thlr. und kann Ref. hinzufügen, daß in letzter Summe nicht mitgerechnct sind 5000 Thaler von Herrn Wilhem Bend ixen, der solche im Laufe .von 5 Jahren mit jährlicher Zahlung von 1000 Thlrn., und 2000 vom Generalkonsul Hrn. H. Davidson, der solche in zweijährigen Raten zahlen wird. Neulich war ein großartiger Bazar zur Vermehrung gedachten Fonds errichtet, wobei neben der höchsten Aristokratie auch mehrere jüdische Damen den Verkauf der ausgestellten Gegenstände übernahmen. Auch im Bazar bezahlte ein Herr (früher Jude) 1000 Thlr. für eine Tasse Ehocolade und mehrere Hunderte für kleine Nippsachen. Eine der unmittelbarsten Folgen der glücklichen Lösung der großen, humanen Zeitfrage ist somit das edle Zusammenwirken für eins der edelsten Interessen der Menschheit, für Beförderung der Bildung und Aust klärung. Ref. will nun nochmals zur Reichstagsverhandlung zurückkommen und aus derselben Einiges in diesen Blättern, dem Repertoire jüd. Geschichte, niederlegen. Durch Fürsorge eines der geachtetsten Mitglieder unserer Gemeinde, des Herrn Abr. Hirsch, Ritter :c. sind die Verhandlungen in beiden Kammern in einem Separatabdruck unter dem Titel: öfverläggningen, den 16. Februar! 1870 i Riksdagens kamrar, angäende utvidgade rättigheta för dem som icke tillliüra statskyrkan *) erschien. Diese Sammlung, oder richtiger Zusammenstellung von Reden, welche wahrhaft als eine Apotheose israelitischer Religionslehren und jüdischer Lebensanschauung angesehen werden können, vermischt mit oppositionellen Reden, die nur durch ihre Schwäche und Farblosigkeit sich auszeichnen, diese Sammlung verdient in mehrere Sprachen übersetzt und in den Archiven der Gemeinden niedergelegt zu werden. Wir denken hierbei besonders an „das Reich der Btttte," das liebe Deutschland, vorzugsweise das Reich der Intelligenz, woselbst die Unkenrufe liebloser Reaction so oft vor unseren Glaubensgenossen repecirt wurden, daß sie einmal den kräftigen Ruf der nüchternen nordischen Natur wohl vernehmen mögen; sie werden finden, daß der kalte Norden eine warme Sprache für Riecht und Humanität zu führen weiß. Wir theilen für heute eine Rede aus der ersten Kammer «in welcher bekanntlich 03 gegen 18 die liberale Sache votirten) mit, nicht weil dieselbe zu den gediegensten, sondern deshalb, weil sie zu den entscheidendsten gehört. Sie wurde nämlich von einem der Abgeordneten für Stockholm, vom Oberstatthaller Freiherrn v. Bildt, also von dem höchsten Eivilbeamten des Reiches, gehalten. Sie lautet: „Obwohl ich keineswegs bestreiten will, daß der geehrte letzte Redner (Bischof Beckman von Gothenburg), der hier so viele Bemerkungen gegen den Vorschlag aussprach, nicht ebenso tolerant in seinen Ansichten wäre wie irgend einer von denen, welche Zustimmung für denselben fordern, sondern im Gegcntheil gern annehme, daß er ebenso lebhaft wie irgend ein Anderer wünscht, daß das schwedische Volk die verfassungsmäßige Unverletzlichkeit der Religionsfreiheit verleihen könnte, so hängt dennoch der Gehalt der Werthes seiner Bemerkungen von dem Standpuncte ab, von wel- * ^Verhandlung am IV.^Fcbruar 1870 in den Kammern des Reichstages, angehend die erweiterten Rechte derer, welche der Staatskirche nicht angehören.