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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-07 · Heft 23 (7.6.1870) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 23 (7.6.1870)
Date
1870-06-07
Page
Seite 453 (sequence 5)
Language
German
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453 ungen ihre Zuflucht immer nach den genannten großen Gemeinden nehmen. Jene bedeutenden Coagulationen der Juden in den Mittelpuncten der Civilisation erweisen aber noch ein Anderes; nämlich: daß, was auch die gegnerischen Fanatiker sagen mögen, das wahre Leben des Judenthums und der Judeuheit nach dem unwiderstehlichen Lebenstriebe in ihnen in der Civilisation gelegen ist. Wenn eine Bevölkerung nach solchen Mittelpuncten strömt, wenn zugleich die entlegensten Glieder eines solchen Stammes immerfort die Hand nach jenen ausstrecken, so ist ein factischer Beweis für die vorherrschende Tendenz, für das unbewußte, innen wohnende Lebensprincip gegeben, den nur der Blödsinn ableugnen kann. Diejenigen nun werden sich um den Bestand des Judenthums wahrhafte Verdienste erwerben, welche eine organische Ausgleichung zwischen dem Judenthume und der Civilisation in allen ihren innern und äußern Berührungspuncten anstreben, wahrend diejenigen seine wirklichen Feinde sind, die sich jener gegenseitigen Durcharbeitung und Versöhnung hartnäckig widersetzen. Bei der obigen Miltheilung aus Pest fällt noch ein Umstand auf, nämlich das Zahlenverhältniß der beiden Geschlechter. Nur in wenigen Ländern, wie Belgien, stehen beioe sich fast gleich, in England kommen 48 männliche auf 52 weibliche Einwohner, in Preußen 49 auf 51, und so in allen europäischen Ländern. In der jüdischen Gemeinde zu Pest aber kommen 54 männlichen Geschlechts auf 46 weiblichen. Eine ähnliche Erscheinung findet sich im englischen Indien, wo in Pendschab 54 männliche auf 46 weibliche kommen. Jndeß ist dieses Mißverhältniß in Pest wohl zumeist aus der großen und schnellen Einwanderung zu erklären, da stets viel mehr männliche Individuen noch ohne Frauen, als Familien mit Frauen sich einen neuen Wohnsitz wählen. Erklärung. Wir erhalten aus Tauroggen (Rußland) eine Zuschrift, in welcher uns berichtet wird, daß ein in Moskau wohnhafter Samson Levi „die kinderreiche Wittwe seines verstorbenen Bruders" wider das stricte mosaische Eheverbot geheirathet, und der Landrabbiner vr. H eß in Eisenach, nachdem das Paar dieCivilehe vollzogen, es getraut habe. Zugleich wird uns die Abschrift eines Schreibens des vr. Heß mitgetheilt, in welchem er sich auf die Leipz. Synode und auf die Anträge des vr. Geiger, Prof. Fürst und Anderer beruft. Wir brauchen der Entrüstung über diese Verletzung des mosaischen Eheverbotes keinen Ausdruck zu geben. Wohl aber weisen wir die Berufung des vr. Heß auf die Leipziger Synode entschieden zurück, da bei derselben kein derartiger Antrag gestellt, also auch nicht zur Verhandlung gebracht worden. Was übrigens eine „rabbinifche Trauung" bei einem solchen Acte bedeuten solle, begreifen wir nicht. Literarischer Wochenbericht. Kassel, im Mai. Bon dem wackern Jnspector des Jacobson'schen Waisenhauses zu Seesen, I. Stern, ist soeben ein „Systematisch geordnetesSpruchbuch" als Handbuch für israelitische Religionsschüler herausgegeben worden, das allseitige Würdigung und weiteste Verbreitung verdient. Mit Recht macht der Vers, in seiner Vorrede darauf aufmerksam, daß jeder Leitfaden beim Religionsunterrichte doch eigentlich nur ein Leitfaden für den Lehrer ist und sein soll. Dieser muß sich aus den systematischen Bearbeitungen der israelitischen Religionslehre, die seiner Ueberzeugung entsprechen, Ueberblick und katechetisches Geschick, überhaupt jegliche Handhabe holen, mit der er den Lehrstoff vollkommen beherrschen kann. Der Schüler darf nur den frischen Quell der h. Schrift, nicht aber ein sg. Religionsbuch kennen. Er werde von dem verständigen und seines Gegenstandes vollen Lehrer auf den rechten Weg des Denkens gebracht, vor Abirrungen durch logische Festigkeit bewahrt, und freue sich alsdann, oie selbstgefundenen Wahrheiten von dem uralten Gottesworte geheiligt zu sehen. Zu einem solchen Verfahren will das vorliegende Werkchen eine Anregung geben. Weil von unfern Religionsschülern die ganze Bibel nicht mehr überschaut werden kann — wie es dem Wesen der Sache nach eigentlich sein sollte — so gibt das Spruchbuch eine Anzahl der herrlichsten Stellen aus derselben in geordneter Rechenfolge und guter Uebersetzung. Ein Anhang von Erzählungen und Sentenzen aus talmudischen Schriften kann vielen nur eine willkommene Zugabe sein. Das Spruchbuch ist bei Joh. Heinr. Meier in Braunschweig erschienen und für einige Groschen zu haben. vr. I. Stein.

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