Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1870)
- Date
- 1870-06-07
- Page
- Seite 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Berhältniß der Größe desselben und nach den einzelnen Arbeitsstufen, nachzuhelfen, scheint ebenso gerechtfertigt wie zweckmäßig. An und für sich ist ja auch der fixirte Lohn des Arbeiters nur eine Borausnahme des muthmaßlichen Ertrages, den aber der Unternehmer auf sein Risico nimmt, weil der Arbeiter selbst feine Arbeit nicht riskiren kann, und der darum möglichst gering normirt wird. Findet kein Ertrag statt, so muß das Unternehmen aufhören. Durch die Ertheilung einer solchen Tantieme würde jener Kriegszustand, jenes ftindselige Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern beseitigt, der Borwurf, als ob jene diese ausbeuten, die vielbenutzte Phrase von der Herrschaft des Capitals über die Arbeit beseitigt, das Interesse der Arbeiter erhöht und ihre Thätigkeit dadurch belebt, so wie endlich ein sehr willkommener Zuschuß dem Arbeiter gewahrt. Ich gebe zu. Daß man sich nicht zu viel von diesem Mittel versprechen darf; denn selbst eine einfache Berechnung bei der Voraussetzung eines dauernden glücklichen Erfolges wird lehren, daß die Bertheilung auch eines großen Theiles eines hohen Ertrages auf Biele den Antheil der letzteren nicht sehr bedeutend ausfallen lassen wird. Ein weiterer Mißstand wird in der Ungleichheit liegen, in welche hierbei die verschiedenen Fabrikzweige gerathen. Denn es wird darauf ankommen, welche größere oder geringere Zahl von Arbeitern bei einem Fabrikzweige beschäftigt werden muß, um eine solche Tantieme ansehnlich oder unansehnlich zu machen. Dies sind Schwierigkeiten, welche die Praxis zu überwinden lehren muß. Daß sie dies vermöge, lehren die faktischen Beispiele, die für dieses Verfahren bereits vorgekommen sind. Jedenfalls scheint es mir der nächste und wirksamste Ausweg, eine Vermittelung, ja Ausgleichung zwischen den Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer herzustellen und all' den Wühlereien, Drohungen und Unruhen entgegen zu wirken, die gegenwärtig die industrielle Welt so vielfach erregen. Es gilt hier, die einzelnen Beispiele zu vermehren, die Kenntniß derselben zu verbreiten und so, was Versuch war, zur Erfahrung und endlich zum Brauch und zur Sitte zu erheben, vor welcher die Selbst- und Gewinnsucht der Einzelnen verstummt. Einige statistische Bemerkungen. Wir notirten jüngst, daß Wien gegenwärtig über 40,000 Juden zählt, und es liegen uns heute Mittheilungen vor, welche nach der jüngsten Zählung der Bevölkerung von Pest 39,384 Juden daselbst wohnhaft angeben, und zwar 21,283 Mannerund 18,101 Frauen. Die Juden bilden daher ein Fünftel der Gesammtbevölkerung von Pest (19, i e %). Verbinden wir hiermit, daß die Gemeinde in Berlin gegenwärtig fast die Zahl von 30,000 erreicht hat, in Paris, London und New-York, soweit in diesen Städten, wo eine Volkszählung nach Confefsionen nicht mehr stattfindet, es zu ermitteln ist, je über 30,000 Juden sich befinden, so giebt dies zu einer eigenthümlichen Bemerkung Veranlassung. In Osteuropa haben wir nur zwei Gemeinden, die diese Zahlen übersteigen: Constantinopel mit über 70,000, Warschau mit fast 60,000. Frühere größere Heimathsstalten des jüdischen Stammes, wie Lemberg, Brody, Berditschew, reichen an jene westeuropäischen Gemeinden an Zahl nicht mehr heran. Nun erinnere man sich, daß Wien erst seit 1848 im Wachsthum begriffen ist, Berlin seit 1847,*) daß in Paris zur Zeit der französischen Revolution nur ein Dutzend jüdischer Familien wohnten, in New-Aork erst seit vier Jahrzehnten die jüdische Einwanderung beträchtlich ward — und wir haben hier den vollgültigen Beweis, wie noch heute auch der jüdische Stamm dem Wanderzuge nach Westen folgt. Wir haben hier Amsterdam mit einer großen jüdischen Bevölkerung übergangen, weil diese bereits seit zwei Jahrhunderten eine an Zahl bedeutende ist. Memand wird aber leugnen, das es nicht die Zahl allein ist, welche die Gemeinden von Pest, Wien, Berlin, Paris, London und New-Port so überaus wichtig macht — vielmehr liegt ihre Bedeutung vorzugsweise in Culturmomenten, in wiffenfchaftlicher, literarischer, socialer, industrieller Beziehung. Jene großen Gemeinden des Ostens haben für den gefammten jüdischen Stamm ihre alte Wichtigkeit verloren; sie sind für ihn keine Cevtren mehr, weder in politischer noch in religiöser Hinsicht. Welche Borurtheile auch die Juden des Ostens gegen den Westen hegen: sie müffen in allen Bezieh- *) Im Jahre 1837 hatte Berlin 5645 Juden.