Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1870)
- Date
- 1870-06-07
- Page
- Seite 451 (sequence 3)
- Language
- German
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451 sg. Feinde der Arbeiter, dem Capital, der Spielraum sich nutzbar zu machen ein sehr ausgedehnter ist, da es sich aufs Leichteste von einer Industrie auf die andere überleiten laßt, wahrend es sehr schwierig, in vielen Zweigen unmöglich ist, daß ein für eine gewisie Arbeit befähigter Arbeiter sich zu einer anderen ganz verschiedenen geschickt mache. So kurz ich an diesem Orte diese Auseinandersetzung halten mußte, so scheint sie mir doch überzeugend zu erweisen, daß der Strike wohl an einzelnen Plätzen und für einige Zeit eine Verbesserung in der Lage einzelner Arbeitergruppen bewirken kann, im Ganzen und Großen aber eine reine Täuschung und mit den größten nationalökonomischen Gefahren und Verlusten, welche zum wesentlichen Theile die Arbeiter selbst treffen, verbunden ist. Ich spreche dieses aus, nicht in der Hoffnung, dadurch irgend einen Wortführer der Strikes von der Verfolgung des eingeschlagenen Weges zurückzuhalten, sondern weil die obige Ueberzeugung verbreitet werden muß, um endlich auch in das Bewußtsein der betroffenen Maffen einzudringen. Jedenfalls ergiebt sich daraus, daß die Strikes nur ein Entwickelungsstadium, aber eher eine Verwirrung, als eine Lösung der socialen Frage sind. Während wir also die Arbeiterbewegung an sich für völlig gerechtfertigt ansehen, da ohne diesen Nachdruck die Jnteresien dieses Standes wenig gefördert würden; während der Kommunismus, Socialismus, Laffallianismus, und wie sie sonst heißen mögen, als theoretische Wahngebilde außer Acht kommen; während ferner die praktischen Mittel, als die Schulze'schen Sparcaffen — die doch nur für die Handwerker gedeihlich sind —, Hülfscafsen — die aber aus den Mitteln der Arbeiter allein jeder Garantie ermangeln, vielmehr von den Arbeitgebern und der Commune, welcher letzteren die Armenpflege schließlich doch zufällt, zu einem großen Theile getragen werden müffen — die Consumvereine, die Productivgenoffenschaften — die nur in einzelnen Zweigen und ausnahmsweise gedeihen — und endlich die Strikes nur als Palliativmittel erscheinen, sieht sich der Geist nach weiteren Lösungsmitteln um. Denn lediglich auf eine ungewisse, gestaltlose Zukunft zu verweisen, die ein durchgreifendes Mittel finden werde, von welchem wir noch keine Ahnung haben, wäre ein trauriges Aequivalent für drückende Noch und verzehrendes Elend. Auch die Vertröstung, daß die wachsende Bildung die Arbeiter selbst immer mehr zu selbstständigem Betriebe junb zu feinerer Benutzung der Maschinenkraft, die noch so Großes in ihrem Schoße trägt, befähigen werde, ist, so.'viel Wahres auch in ihr liegt, doch mehr auf einzelne Individuen berechnet, als auf die allgemeinen Verhältnisse. Ohne also allen diesen Bestrebungen ihren großen Werch abzusprechen und ihrer Vereinigung nachhaltige Wirkungen abzuleugnen, frägt es sich doch, ob nicht andere Mittel von größerer Tragweite aufzufinden wären. Als eines dieser erscheint mir die Ertheilung von Tantiemen an die Arbeiter seitens der Etablissements, an welchen sie arbeiten, d. h. also daß die Arbeiter nach Verhältniß von dem Ertrage, von dem reinen Gewinn des Etablissements einen Antheil erhalten. Unbestreitbar gehört der Ertrag einer Productivanstalt vorzugsweise dem Unternehmer und Leiter, der zugleich dieselbe erdacht, ins Leben geführt, die nöthigen Capitalien herbeigeschafft, sie in Anschaffung der Rohstoffe, der Arbeitskräfte, der gesummten Gliederung, der Absatzquellen leitet und schließlich das ganze Risico und die volle Verantwortlichkeit persönlich trägt. Auch liegt in der Aufhäufung dieses Ertrages in einer Hand die Möglichkeit für die wachsende Ausdehnung und stetige Verbeffuvg des Unternehmens, so wie daß dasselbe Krisen, Stokkungen und Verluste zu ertragen vermöge. Allein von der anderen Seite gebührt den Arbeitern, welche ihm die willigen Werkzeuge zur Ausführung des Unternehmens bieten, auch ein genügender Antheil, um in voller Kraft bestehen zu können. Der menschliche Organismus bietet hier das entschiedenste Vorbild. Ohne die Thatigkeit des Geistes vollbringen alle Organe deS Körpers nichts, und selbst der ganze leibliche Organismus vermag ohne ihn nicht zu bestehen. Sicherlich wird auch der vorzüglichste und bedeutendste Theil alles im und vom körperlichen Organismus Geschaffenen, aller in ihm vorgehenden Proceffe durch die Thätigkeit des Geistes consumirt. Nichts destoweniger müffen alle Glieder und Organe des Leibes ihre genügende Nahrung erhalten, wenn sie nicht erkranken, in Schwäche verfallen, ihren Dienst versagen sollen. Von dem richtigen Verhältniß der geistigen Thätigkeit und .der leiblichen Ernährung aller Organe hängt die Gesundheit und der Bestand des ganzen menschlichen Organismus ab. Hierfür Erweis heranzubringen wäre überflüssig. In der Natur der Sache liegt es, daß der, jeder Schwankung entzogene, festgesetzte Lohn des einzelnen Arbeiters, unabhängig vom Gewinn oder Verlust des Unternehmens, nur ein sehr mäßiger sein kann. Diesem also durch einen Antheil an dem Gewinn, am Reinerträge, nach 23*